A Tratscherl

Der Autor liest:

Jô sông S, wia geht s Ihna denn ôllawäu?
Ja sagen Sie, wie geht es Ihnen den immer?

Naujô, – soḷaung i no so umanaundagräu …
Naja, – solange ich noch so umherkrabble …

I hôb gƖaubt, Se san vielleicht scho wieder in Schpitôj.
Ich dachte, Sie seien vielleicht schon wieder im Spital.

Naa, – nur oman wôar i wiedramôj in Bernhardstôj.1
Nein, – ich war nur wiedereinmal oben in Bernhardstal.
Ôwa dés mit der Ferne, dés is nur a Dram;
Aber das mit der Ferne, das ist nur ein Traum;
wäu duaten deng i ma: „Daham is hôjt daham!“
denn dort denke ich mir: „Daheim ist halt daheim!“

Wôan S net auf Urḷaub oman oft min Gatten?
Waren Sie nicht mit dem Gatten (dort) oben oft auf Urlaub?

Jôô, ôba auf da Ḷungan daunn der Schatten …
Ja, aber auf der Lunge dann der Schatten …
Er hôt jô – Gott sei Daunk – net so ḷaung ḷeiden miassen,
Er hat ja – Gott sei Dank – nicht so lange leiden müssen,
wäu ôjs Partner dädast deine Sind ôbiassen,
denn als Partner würde man seine („tätest du deine“) Sünden abbüßen,
waunn si des hi(n)ziagt iwa vieḷe Jahre …
wenn sich das hinzöge über viele Jahre …
Nau, wôascheinḷich auszuckt war e.
Na, wahrscheinlich hätte ich durchgedreht („wäre ich ausgezuckt“).

I sôg Ihna jetzt wôs, und wissen S wôs?
Ich sage Ihnen jetzt etwas, und wissen sie was?
Mit Ihnern Ḷé(b)m, dô geht s erst jétzt so richtig ḷos!
Mit Ihrem Leben geht es erst jetzt so richtig los!
Wäu – gƖaum Sie mir! – „aḷan, … des is a gojdner Schtan!“
Denn – glauben Sie mir! – „allein, … das ist ein goldener Stein!“
Waunn S wissen, wôs i damit man.
Wenn Sie wissen, was ich damit meine.


Wie Sie sehen, habe ich dieses Gedicht mit einer Interlinearübersetzung ins „Hochdeutsche“ versehen, damit Menschen, die nicht das Glück hatten, die Sprache Johann Nestroys oder H. C. Artmanns in die Wiege gelegt zu bekommen, sich dennoch die tiefe Lebensweisheit erschließen können, die im Gespräch zweier Wiener Damen vorgerückten Alters zum Ausdruck kommt.

Nur … was ist „Hochdeutsch“? Etwa das, was die Conlinguae Fratres et Sorores sprechen, die hoch oben, nördlich des Weißwurschtäquators und womöglich gar in Labskausien aufgewachsen sind?

Ich denke, dass diese Frage bejaht werden muss. „Hochdeutsch“ als Bezeichnung für die Sprache des Nordens beruht vermutlich auf der Beobachtung, dass die dort ansässigen Brüder und Schwestern es allesamt vorziehen, hochzugehen, bevor sie die Mühe auf sich nehmen, irgendwohin hinaufzugehen, sei das jetzt der Großglockner oder einfach nur das nächsthöhere Stockwerk. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bestreite keineswegs, dass es möglich ist, ziemlich hoch oben zu gehen, bin ich doch selbst schon oft genug auf dem Leopoldsberg oder dem Kahlenberg spazieren gegangen; dazu musste ich aber eben erst hinaufgehen. Und natürlich könnte man aufrechtes Gehen als „Hochgehen“ dem beim Militär zwecks körperlicher Ertüchtigung der Mannschaft so beliebten Entengang als „Tiefgehen“ entgegensetzen; aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll: Das Wort „hochgehen“ kann ich nich ab!

Ich habe eingangs gesagt, ich hätte meinem Gedicht eine Übersetzung ins „Hochdeutsche“ hinzugefügt, ich erinnere das! Keinesfalls aber habe ich damit ein Idiom gemeint, in dem mit erschreckender Häufigkeit jemand hochgeht und das Verb „erinnern“ sich in wilder Ehe zügellos mit dem Akkusativ verbinden kann.

Ich ziehe also in diesem Zusammenhang den Begriff „Hochdeutsch“ zurück und ersetze ihn durch „deutsche Schriftsprache“. Sollten eingefleischte Hochgeher mir für den Verzicht auf das (von ihnen in Anspruch genommene) Prädikat „Hochdeutsch“ danken wollen, so lautet meine bescheidene Antwort: „Da nich für!“


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