Der Autor liest:
[Old Shatterhand]
Sag, hat da Hitḷa Hatatitḷa?
Oda du, Winnetou?
[Winnetou]
Beim Gigerer findst du das Tier;
ôjs Ḷéberkas serviert er s dir
mit Sémmerḷ, Sénf und StiegƖ-Bier.
Dieses Gedicht stellt trotz seiner Kürze hohe Ansprüche an die Bildung des Lesers1: Um es zu verstehen, muss er2 Karl May gelesen haben und erkennen, dass von Old Shatterhands in die Jahre gekommenem Pferd die Rede ist. Ein Gutteil der Unter-Fünfzigjährigen ist damit aber praktisch vom Genuss des feinsinnigen Humors ausgeschlossen, der in meinen Reimen zum Ausdruck kommt, weil die Jüngeren den Autor Karl May höchstens von einem Klamaukfilm her kennen, in dem – etwas verspätet – andere Filme verrissen werden, in denen sich während der Sechzigerjahre einige seiner Figuren tummelten, denn diejenigen, welche die gute alte Kulturtechnik des Lesens noch in allen ihren Feinheiten beherrschen, sind zu einer exotischen Minderheit geworden
Wir hingegen, deren Licht die Welt um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erblickt hat, wir haben mehrheitlich noch gelesen, selbst gegen den Willen besorgter Eltern und strenger Lehrer – mit dem Sigurd‑, Tarzan- oder Jerry Cotton-Heftl oder eben auch einem Karl May-Buch auf den Knien, um uns die unglaublich lähmenden Schulstunden zu verkürzen, während derer in der Regel nur dann etwas Heiterkeit aufkam, wenn einer der Kollegen beim Schaukeln auf seinem Sessel hintüberkippte (irgendwelche Kolleginnen konnten wegen der damals an uns verübten Monoedukation leider nicht zur Erheiterung beitragen).
Um den vollen Tiefgang meiner Verse ausloten zu können, sollte man – erstens – wissen, dass die Nazis das Werk Karl Mays sehr schätzten, und dass, umgekehrt, Mays Witwe Klara eine glühende Verehrerin Hitlers war, die in ihrem (bereits 1912 verstorbenen) Mann gar jemanden sehen wollte, der mit seinen Schriften dem Schickelgruberischen den Weg geebnet hatte. Die Entschlüsselung des obigen Dichtwerks erfordert – zweitens – Die Vertrautheit des Lesers3 mit dem Begriff „Gigerer“, worunter man im Wienerischen den Pferdefleischhauer versteht, der mitunter auch als „Pepihôcker“ bezeichnet wird.
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