Der 18. Brumaire

Der Autor liest:

Oft wiederholt sich die Geschichte,
nicht eins zu eins, das ist ja klar.
Imitatoren, kleine Wichte
kopiern jemand, der größer war.

Auf den Herrn Onkel folgt der Neffe,
auf die Tragödje folgt die Farce,
Löwengebrüll! … und dann Gekläffe.
Napoleon der Dritte war’s,

um den sich dieses Beispiel dreht
in Marxens „Achtzehntem Brumaire“,1
wo sinngemäß das Ganze steht;
von eben dort hab ich es her.

Die Ausnahme ist Österreich,
Hier fängt man mit der Farce schon an.
Auf die folgt dann die nächste gleich,
sodass man drüber lachen kann,

obwohl die Summe der Grotesken,
Possen, Schmierntheaterstücke,
Schwänke, Farcen und Burlesken
trägt vom Trauerspiel die Züge.


In seiner Arbeit „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ vergleicht Marx die Staatsstreiche, die den älteren Napoleon beziehungsweise seinen Neffen zu Diktatoren in Frankreich gemacht haben. Für den Einstieg ins Thema greift er auf Hegel zurück:

„Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“

Das ist natürlich bloß ein Gag, der nicht wörtlich genommen zu werden braucht; aber es ist reizvoll, sich die Aufeinanderfolge von Tragödie und Farce als Spielplan der Geschichte vorzustellen, die speziell für Österreich aber ein nur aus Schwänken und Grotesken bestehendes Sonderprogramm bereithält.

Da die Geschichte tatsächlich aber kein vernunftbegabtes lebendiges Wesen, sondern nur das ist, was dabei herauskommt, wenn die Primaten der Gattung Homo tun, was sie eben tun, kümmert sie sich selbstverständlich auch nicht um Dramenformen, sondern zeigt sich immerzu und überall nur als wilde Mischkulanz aus Tragischem und Lächerlichem, Mörderstück und Schwank.

Das demokratieverachtende Treiben etwa, das Sebastian Kurz und sein zeitweiliger Vize Heinz-Christian Strache als „Regieren“ verstanden wissen wollten, könnte man als die Farce sehen, der die Tragödie um die „Selbstausschaltung des Parlaments“ vorangeht, die sich bei näherem Hinsehen auch als Groteske erweist. Der 4. März 1933 ist gleichsam der 18. Brumaire des Engelbert Dollfuß, der als „Millimetternich“ mit seinem dünnstimmigen Trabrennplatzgerede2 eine Lachnummer abgibt. Der Künstler, welcher die Dollfuß-Gedenktafel am Kriegerdenkmal in Kirnberg an der Mank geschaffen hat, wollte das vielleicht durch originelle Textgestaltung zum Ausdruck bringen. Dort liest man nämlich:

„Zum Andenken
an unserem Heimatsohn,
dem Bundeskanzler
Dr. Engelbert Dollfuß
* 1892 + 1934
Gew. v. H. V. Kirnberg a. d. Mank“


  1. Am 9. November 1799 (nach dem Französischen Revolutionskalender der „18. Brumaire des Jahres VIII der Republik“) ereignete sich der Staatsstreich, welcher die Diktatur des Generals Napoleon Bonaparte nach sich zog. ↩︎
  2. Trabrennplatzrede – eine programmatische Rede, die Dollfuß am 11. September 1933 vor ca. 30.000 Menschen gehalten hat. ↩︎

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