Der Autor liest:
Sah ein Knab ein Röslein stehn,
mitten auf der Weiden:
„Milli, Zenzi, fressts es schön!
Habts es epper noch nicht gsehn?“
D Viecher taten s meiden.
Ringsumher der Kühe Kot,
Röslein auf der Weiden.
Knabe sprach: „Ich breche dich,
Röslein auf der Weiden,
wenn dich eh nicht mag kein Viech,
daunn stehst du dô unnädich,1
und ich wills nicht leiden.“
Ringsumher der Kühe Kot,
Röslein auf der Weiden.
Und der wilde Knabe brach
s Röslein auf der Weiden.
Röslein wehrte sich und stach.
Jô, des Le(b)m is maunchmôj zach,2
dô muasst durch und leiden!
Und dei Bluat – klôa(r), rosenrot –
tropft hôjt auf die Weiden.
Gelegentlich bemächtige ich mich eines der Werke meiner Dichterkollegen, um sie zu verdichten. Als erstes „Opfer“ eines solchen Vorgangs habe ich Goethes „Heidenröslein“ ausgesucht, dem durch mein Eingreifen seine ätherische Dimension – die zarte Andeutung einer Vergewaltigung – abhandengekommen ist. Was bleibt, prickelt nun nicht mehr, weil der Esprit raus ist. Und gar so viel poetischen Wind um bloßes Blumenpflücken ohne pornografische Konnotationen zu machen, scheint unangemessen, daher kann das Werk nun wohl als „verdichtet“ gelten.
Wenn Sie mir eine besondere Freude bereiten möchten, dann lesen Sie bitte mein Weideröslein nicht einfach nur herunter, sondern singen es zu der von Franz Schubert dafür komponierten Melodie. Vielen Dank!
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