Uneinsichtig

Der Autor liest:

Sôg amôj, wôs sôgt da Dokta?
Sag einmal, was meint denn der Arzt?

Dass i no imma ḷeb, kaum pôckt a,
Er kann nicht fassen, dass ich noch immer lebe,
und auf mia umanaundahôckt a.
und hackt auf mir herum.
Wôs i tégƖich zaummsauf, frôgt a
Er fragt mich, wieviel (Alkohol) ich täglich trinke
und wôs i wéng tua ôjs a nôckta.
und was ich unbekleidet wiege.
„Mit dera Wauhnsinnswaumpm“, sôgt a
„Mit dieser Wahnsinnswampe“, sagt er
„und so an Héaz!“ … Nau, d Hénd zaummschḷôgt a.
„und solch einem Herz!“ … Na, er schlägt die Hände zusammen.
Déa gƖaubt, mi ôjdn Hôsn schockt a
Der meint, mich alten Hasen schockieren
und goa zum Gsundḷém no vaḷockt a,
und gar noch zum Gesundleben verlocken zu können,
wäu zwamoi in da Wochn tschoggt a,
denn er joggt zweimal pro Woche
und mi min Éagomäta plôgt a.
und plagt mich mit dem Ergometer.
I gƖaub, i suach ma n aundan Dokta.
Ich denke, ich sehe mich nach einem anderen Arzt um.


Um erfolgreich zu sein, bedarf der Schriftsteller außer seiner Begabung auch eines qualifizierten Publikums, das gute Texte wie den obigen zu würdigen weiß und zu sinnerfassendem Lesen befähigt ist. Kurz: Ein guter Schriftsteller bedarf guter Leser. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem guten Arzt, der auf die Mitwirkung verständiger Patienten angewiesen ist, um sich seiner Berufung gemäß entfalten und verwirklichen zu können.

Der Protagonist meines Gedichts gibt dem Heiler jedoch keine Chance. Seine Uneinsichtigkeit geht mit Langstrecken-Bildungsferne und besonders breitem Dialekt einher, welcher sich in besonders ausgeprägter Orthographie-Ferne der Transkription seiner Erzählung niederschlägt, sodass es mir nötig schien, dem Leser (sowie lesenden Menschen aller anderen Geschlechter) eine Interlinearübersetzung anzubieten.


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