Der Autor liest:
[Karli] Déahre, Frau Grätä; bitte an Kaffää!
Habe die Ehre, Frau Grete; bitte (bring1 mir) einen Kaffee!
[Frau Grete] Jô séavas, Karḷe! Héast, du wüst ka Bier?
Ja servus, Karli! Na hör mal, du willst kein Bier?
[Karli] Waunn i „Kaffää“ sôg … gƖaubst, i môch an Schmäh?
Denkst du etwa, dass ich scherze, wenn ich „Kaffee“ sage?
[Frau Grete] Héast, fräulich griagst du an Kaffää vun mir!
Freilich bekommst du einen Kaffee von mir!
Nur … wäu es is jô wieder gauntsché haaß,
Nur … es ist ja wieder ganz schön heiß,
und waunn s so haaß is, griag i d Gôgerḷfras!2
und wenn es so heiß ist, verliere ich die Fassung!
I mächt gern des ane wissen nur:
Ich möchte bloß wissen,
Wém seine Sind i dô ôbiassn dua.
wessen Sünden ich hier abbüße.
[Frau Grete] Héast, Eiernockerḷn hôb i heit – vegan!
Hör mal, Eiernockerln hab‘ ich heute – vegan!
[Karli] Fleischḷiche Genüsse samma ḷiawa,
Fleischliche Genüsse sind mir lieber,
waunn du vieḷḷeicht waßt, wia i dés maan.
wenn du vielleicht weißt, wie ich das meine.
Vun so Nockerḷn griag i ḷeicht a Fiawa.
Von solchen Nockerln bekomme ich leicht Fieber.
[Karli] Sôg, und beschwéan tuast du di iwa d-Hitz?
Und du beschwerst dich über die Hitze?
Glaubst aa, dass i mi n Audi schujd drau(n) bin?
Glaubst du (etwa) auch, dass ich mit dem Audi schuld dran bin?
Bist ḷeicht a so a … KƖimakƖeberin?
Bist du etwa so eine … Klimakleberin?
Gäh, schau mi ned so au(n), dés woa ra Witz!
Sieh mich doch nicht so an, das war ein Witz!
[Frau Grete] Héast, nua wäul-i „Grätä” haßen dua …
Hör mal, nur weil ich Grete heiße
trauast-ma gƖei s KƖimapicken zua?
würdest du mir das Klimakleben zutrauen?
Dô muaß i di entteischn, duat ma ḷaad!
Da muss ich dich enttäuschen, tut mir leid!
Déaf ma ned haaß sei(n), héast, bei dreißich Grad?
Hör mal, darf mir denn bei dreißig Grad nicht heiß sein?
Drum hôb i ma grôd d Schtrumpfhosn auszong …
Drum hab‘ ich mir gerade die Strumpfhose ausgezogen …
[Karli] Nau, ôllahaund! Dô kaunn i nur drauf sông:
(Ist ja) allerhand! Da kann ich nur drauf sagen:
Héast, wia ra Schtriptisgöaḷ kummst ma vua!
Hör mal, du kommst mir wie ein Stripteasegirl vor!
[Frau Grete] Es hôt jô nur zehn Grad ghôbt in da Fruah.
Am Morgen hat es ja nur zehn Grad gehabt.
I hôb ma denkt: Nau, ziag i s ḷiawa au(n),
Ich hab‘ mir gedacht: Ich zieh sie lieber an,
wäul i s jô ôllawäu no ausziang kau(nn).
denn ich kann sie immer noch ausziehen.
Und daunn z Mittôg woa s eh scho haaß ôjswia.
Zu Mittag war’s dann tatsächlich schon sehr heiß.
In da Fruah kaunnst dés hôjt no ned wissen.
Am Morgen kannst du das halt noch nicht wissen.
[Karli] Und dô hôst da s Hoserḷ … ôwagrissn …
Und da hast du dir das Höschen … runtegerissen …
[Frau Grete] I hôb jô gschwitzt, héast, wia ein Tier!
Hör mal, ich hab‘ ja geschwitzt wie ein Tier!
[Karli] Wia so a Schtriptisgöaḷ kummst ma vua:
Wie so ein Stripteasegirl kommst du mir vor:
Dés Schtrumpfhoserḷ, dés ziagst zéascht aun …
Das Strumpfhöschen, das ziehst du erst an …
[Frau Grete] Wäu s jô no frisch woa uma ôchte in da Fruah!
Weil’s ja noch kühl war um acht Uhr morgens!
[Karli] Jôjô, dés ziagst zéascht aun, und wôs môchst daunn?
Jaja, das ziehst du erst an, und was machst du dann?
[Frau Grete] Nau, auszong hôb i ma s natirḷich!
Na ausgezogen hab‘ ich es mir natürlich!
[Karli] Wia ra Schtriptisgöaḷ kummst ma vua.
Wie ein Stripteasegirl kommst du mir vor.
[Frau Grete] Gschwitzt, héast, hôb i in déa Hosn gnua!
Hör mal, geschwitzt hab‘ ich in dieser Hose genug!
[Karli] Geh, héast, dazöh ma dés ausführḷich:
Hör mal, erzähl mir das (doch) ausführlich:
Dô woast jô praktisch eine „heiße Braut“
Da warst du ja praktisch eine „heiße Braut“
in déra éngan Neiḷonhaut.
in dieser engen Nylonhaut.
[Frau Grete] Nau, passen muaß de Hosn scho!
Na, passen muss die Hose schon!
Wia stäh i dn – waunn s z groß ist – dô?
Wie steh‘ ich denn da, wenn sie zu groß ist?
[Karli] Und ausziang duast du di in aner Tour;
Und andauernd ziehst du dich aus;
héast, wia-ra Schtriptisgöaḷ kummst ma vua.
hör mal, du kommst mir wie ein Stripteasegirl vor.
[Frau Grete] Nau, du bist guat, bei déra Tempradur?
Na du bist gut, bei dieser Temperatur?
[Karli] I hôb jô nix dagéng, i sôg jô nua.
Ich hab‘ ja nichts dagegen, ich sag‘ ja nur.
Frau Grete, die Betreiberin des Tschocherls „Hallo“ weiß, wie sie ihre – mehrheitlich männlichen – Gäste bei der Stange halten kann. Sie wirft ihnen Hölzchen (im Grunde ist es immer nur das eine Hölzchen), die dann meistens auch dankbar apportiert werden: Sie spricht in Ermangelung anderen Gesprächsstoffs einfach über die Wäsche, an die ihr die meisten Herren nach einem öden Arbeitstag in einem der Bürogebäude der Umgebung wollen würden, wenn es leicht ginge.
Aber selbst in diese Tschocherlkommunikation, während derer das Großhirn aller Beteiligten sich vom Kleinhirn vertreten lässt, um ein wenig auszuruhen, ist die kontroversielle Diskussion des Klimawandels eingesickert: Die für den Frühling viel zu hohen Temperaturen geben Frau Grete die Gelegenheit, sich ihrer Strumpfhose zu entledigen, welche sie ohne viel Umschweife ins Gespräch wirft, um Gast Karli auf andere Gedanken zu bringen, der sie zuvor (halb) im Scherz verdächtigt hat, eine sich auf Fahrbahnen festklebende Klimaaktivistin zu sein. Als Fahrer eines dicken Autos reagiert er wohl übersensibel auf Bemerkungen, die mit ungewöhnlich hohen Temperaturen zu tun haben.
Ansonsten aber läuft dieser Dialog – und laufen alle über die Budel3 hinweg geführten Gespräche – weiterhin ab wie das Programm eines barocken Spielzeugautomaten. Auf diese Weise kann Frau Grete mehrere Herren gleichzeitig bei der Stange halten und hat doch die Hände frei für die Zapfhähne und die Espressomaschine.
Ich empfehle, das Gedicht laut zu lesen, weil Sie damit als darstellender Künstler4 das Werk gleichsam miterschaffen und dieses Ihnen dann noch mehr Freude bereiten wird. Falls Mutter Natur Sie mit Accessoires ausgestattet hat, die gemeinhin als „männlich“ gelten, sollten Sie beim Lesen des Parts der Frau Grete ins Falsett wechseln. Sprechen Sie in kurzen, wütenden Garben und ruhen Sie sich zwischendurch auf einem Vokal aus:
„Nauauszong hôbimasnatirḷiiich!“
oder
„Naudubistguuuat, beidéraTempraduuur?“
Der wütende Unterton, den Frau Grete ihren Gesprächsbeiträgen zugrunde legt, gilt immer irgendwelchen Nichtigkeiten, und niemals den kunstvoll herausgeforderten verbalen Übergriffen; er dient der Simulation von Involviertheit, Vertrautheit und Nähe. Männliche Gäste sind meist nicht in der Lage, das Fake als solches zu erkennen.
Karlis Part kann bedächtig, vielleicht sogar mit etwas reduzierter Geschwindigkeit gelesen werden. Schlüsselbegriffe wie „Schtriptis“ und „ausziang“ können Sie sich dabei genüsslich auf der Zunge zergehen lassen.
- Eine förmliche Anrede wie „Frau Grätä“ schließt im Wienerischen keineswegs den Gebrauch des vertraulichen „Du“ aus. ↩︎
- Dieses interessante Wort bezieht sich angeblich auf das Verhalten eines Huhns, nachdem es ein Ei gelegt hat; „Gogerl“ steht (nach dieser Erklärung) für „Huhn“, während „fras“ eine Variante des Begriffs „Fraisen“ darstellt, mit dem in vergangenen Tagen Krampfanfälle bezeichnet wurden. Wer sagt, dass er unter diesen oder jenen Umständen die „Gogerlfras“ bekommt, will damit zum Ausdruck bringen, dass diese Umstände in hohem Maße unerwünscht sind. ↩︎
- Theke. ↩︎
- … und selbstverständlich auch als künstlerisch darstellende Person jedweden anderen Geschlechts … ↩︎
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