Der Autor liest:
Nur den gescheitesten Primaten
tat eine Seel der Herrgott geben,
die nach dem Tod kann weiterleben,
und nicht den Kühen, Schweinderln, Ratten …
Denn was würd man im Himmel sagen
den wiederauferstandnen Schnitzerln,
die einen stummen Blicks anklagen?
„Guat hôst ma gschmeckt!“ und solche Witzerln?
Der Fall ist buchstäblich gegessen
für n untren Teil der Nahrungskette,
wenn s ihre Zeit ham abgesessen
im Stall und selbst auf Weiden, nette!
Doch auch die Regel hat ihr Ausnahm:
Da wärn zum Beispiel Kuh und Esel
im Stall, wo Jesus einst zur Welt kam
(und das heißt: nicht am Rhein in Wesel!)1
Die sind jetzt himmlische Statisten,
auf grüner Aue weiden sie;
Die Ewigkeit wern sie hier fristen,
doch fronen, Mangel leiden? – Nie!
Und selbst der rotgestreifte Kater,
den früher der Herr Dokter Nahter
sich hielt als seinen Hausgenossen,
hat einst den Dokter wissen lôssen,
dass er auf ein Wunder warte,
indem er rauf zum Himmel starrte,
wo wirklich – nach fünf Vierteln Roten –
sich Sonnenlichtreflexe boten
dem Dokter – wie vor an Jahrhundert,
als es in Fatima hat gwundert2
und viele in den Himmel blickten,
ob die dort nicht die Jungfrau schickten.
Die zeigte sich der Masse nicht,
doch irgendwas war mit dem Licht,
das aufsteigenden Dunst durchbricht,
sodass aus mancher Leute Sicht,
die Sonne tanzte wie besoffen.
Ein solches Wunder ließ erhoffen
nach hundert Jahrn der Dokterkater,
als so zum Himmel raufgschaut hat er,
gleichsam ein Künder, Himmelsbote;
und dazu noch der schwere Rote,
der den Herrn Dokter sehen ließ,
was Wunderbares gschehen is,
verheißen von dem roten Kater
(und nicht vom Pinkafelder Pater!).
Gott rief denn auch sehr bald zu sich
das wunderbare Katerviech.
Für sich hat der Herr Dokter Nather
längst bé-atifi-ziert den Kater,
der auch ein keusches Leben führte
(was von der Kastration herrührte).
Das vorliegende Reimwerk ist einem alten Freund, dem Doktor Nather gewidmet, der einerseits – aus Gründen, die sich mir als Hundemenschen nicht erschließen – eine ausgeprägte Vorliebe für Felidae hegt, während ihn – anderseits – gelegentlich das eine oder andere der Gespenster heimsucht, die seine streng katholisch-konservative Erziehung geprägt haben. Beides zusammen musste zur provisorischen (und vom Vatikan noch nicht anerkannten) Seligsprechung seines im Jänner 2018 von uns gegangenen Katers führen. Aber wenn Krampfadern-Karl3 es geschafft hat, ein Beatus zu werden, warum dann nicht auch Doktor Nathers roter Kater?
Der Doktor behauptet jedenfalls, dass die Grabstätte des Verstorbenen im Garten seines Hauses zur Pilgerstätte für sämtliche Feliden der Umgebung geworden sei, die den dort Ruhenden ob seiner seherischen Fähigkeiten und seiner Enthaltsamkeit als Catus Castus verehrten.
- Der naheliegende Wesel-Esel-Reim ist seit dem 19. Jahrhundert als Schmähruf belegt: „Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? – Esel!“
In dem hübschen Städtchen Wesel am Niederrhein wurde 1996 ein Bronzeesel aufgestellt, dem später mehrere Kunststoff-Eselskulpturen als Touristenattraktion folgten. ↩︎ - Sonnenwunder:
Fatima (13. Oktober 1917); Riedlingsdorf bei Pinkafeld (13. Oktober 2017). ↩︎ - Kaiser Karl I. von Österreich (1916-1918, gleichzeitig König Karl IV. von Ungarn und Kroatien und König Karl III. von Böhmen) wurde 1960 in Brasilien von der polnischstämmigen Nonne Maria Zita Gradowska wegen eines als unheilbar geltenden, schmerzhaften Venenleidens angerufen. Die Dame war tags darauf völlig gesundet. Durch diese wunderbare Heilung war eine wesentliche Voraussetzung für die Seligsprechung Karls erfüllt, die schließlich 2004 erfolgte. Allein in Österreich existieren mittlerweile mehr als zwei Dutzend Stätten der Karlsverehrung. ↩︎
Hinterlasse einen Kommentar