Hadschi Luja

Der Autor liest:

Der Hadschi Luja, den kennst du ja,
in Bosnien ein Nicht-Gut-Tujer,

schoss – denn wir marschierten ein –
zuerst auf uns, dann sich ins Bein.

So kam er zu dem Ehrentitel „Hadschi“,
von Ginzkey stammen „Luftballon“ und „Bratschi“.

Wikipedia

Die obigen Verse werden wohl nur einem kleinen Kreis historisch interessierter Personen ohne weitere Erklärungen verständlich sein, die über das Wissen darum verfügen, dass Österreich auf dem Berliner Kongress von 1878 grünes Licht für die Besetzung Bosnien-Herzegowinas erhielt, welches damals noch zum Osmanischen Reich gehörte. Die Türken, die gerade einen Krieg gegen Russland verloren hatten, mussten das hinnehmen. Aber die Österreicher wurden in Bosnien nicht als Befreier vom osmanischen Joch begrüßt, sondern trafen auf ernst zu nehmenden Widerstand. Dabei tat sich insbesondere ein gewisser Salih Vilajetovic alias Hadschi Luja1 hervor, ein Anführer muslimischer Partisanen, der allerdings nicht nur auf österreichische Soldaten, sondern – versehentlich – auch sich selbst ins Bein schoss und seither humpelte. Von dem Ehrentitel eines Mekkapilgers, den Herr Vilajetovic für sich in Anspruch nahm, soll der Volksmund deshalb das Verb „hatschen“ abgeleitet haben, das nicht nur „zu Fuß weite Strecken zurücklegen“ bedeutet, sondern eben auch „hinken“.

Ein künstlerisch begabter Offizier2 porträtierte den Partisanenführer nach dessen Gefangennahme. Die Zeichnung gefiel Herrn Vilajetovic, und er malte in ungelenken arabischen Buchstaben seinen Namen drunter: al-Hadsch Lojo Hafis, wobei Hafis (Ḥāfiẓ) ein weiterer Ehrentitel ist, der jemandem zukommt, der den Koran (in der Originalsprache!) auswendiggelernt hat und nach bestimmten Intonationsregeln zu rezitieren weiß; allerdings lässt seine Unterschrift sehr daran zweifeln, dass Hadschi Luja tatsächlich Arabisch lesen oder schreiben konnte.

In früher Jugend besaß ich Franz Karl Ginzkeys Kinderbuch „Hatschi Bratschis Luftballon“ aus dem Jahr 1904, das heute wegen der darin zum Ausdruck gebrachten rassistischen und antitürkischen Ressentiments umstritten ist. Ich meine mich zu erinnern, dass die Erwachsenen, die mir aus dem Buch vorlasen, Hatschi Bratschi mit Hadschi Luja identifizierten, dessen Namen ich jedenfalls schon sehr lange kannte, noch bevor ich irgendetwas vom Bosnienfeldzug wusste. Kürzlich las ich außerdem, dass man (zumindest in der Südsteiermark) früher den lieben Kleinen, die es zu bunt trieben, gerne androhte, dass der Hadschi Luja sie holen würde. Da Hatschi Bratschi ebenfalls Kinder in seinem Ballon entführt, denke ich, dass Ginzkey – der übrigens bis 1897 k. u. k. Infanterieoffizier war, was gut ins Bild passt – wohl zu seinem Kinderbuch durch die Figur des Hadschi Luja inspiriert worden sein wird, wenngleich ich beim Stöbern im Internet keinen Beleg dafür gefunden habe.

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  1. Auch „Loja“ oder „Lojo“. ↩︎
  2. Friedrich Franceschini – österreichischer Offizier und Porträtmaler (1845-1906). ↩︎

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