Die Bürgschaft

Der Autor liest:

Damon wollte Dionys gern killen,
weil der als Tyrann sich tat aufspielen.
Nur war das Attentat nicht gut geplant,
sodass das Messer man an Damon fand,
als der es noch verborgen trug im Gwand.
Tja, so ein Anschlag ist halt sehr riskant.

Prompt hat man ihn zum Tod verurteilt.
Er sei – sagt Damon – damit wohl d´accord,
S wär wichtig nur, dass er kurz furt eilt,
aus familjären Gründen noch zuvor.
Als Geisel lass er seinen Freund zurück.
Der weiß zunächst noch nichts von seinem Glück,

macht aber mit – ma lasst an Freund nicht hängen!
Und Herr Dionys, der macht daraus ein Spiel:
Wer von beiden immer draufgeht – s zählt gleich viel.
Wird s Damon wirklich dann zum Richtplatz drängen,
wenn er doch frei ist? Das wird intressant!
Und auch der Freund ist wohl schon sehr gespannt.

Damon bringt die Schwester unter d Haube,
und aus seinem Strafvollzugsurlaube
kehrt er zurück, so schnell wie er nur kann,
doch jetzt fangen die Schwierigkeiten an:
Hochwasser erst und dann auch noch Banditen
(das sind – dem Zeus sei Dank – komplette Nieten).

Zum Schluss Erschöpfung, Hitze und der Durscht!
Wird sich s noch ausgehn? Jetzt geht s um die Wurscht!
Endlich in Syrakus, sieht er das Kreuz;
sie richten s her für seinen Freund bereits!
Dann sagt auch noch der Depp von Hausmeis-teer:
„Es hat kan Sinn, du rettest ihn nicht mehr!“

Damon teilt die schaulustige Menge
so gut er kann mit Tritten und mit Schlägen
und aus dem Gewurl und Gedränge
ruft er: „Der Mann ist hier bloß meinetwegen!
Schneidet ihn los und lasst ihn endlich gehn,
denn mich will der Tyrann doch sterben sehn!“

Durch die Reihn der Gaffer geht ein Raunen,
heute kommst du nicht mehr aus dem Staunen!
Und dann erhebt sich donnernder Applaus.
Den Freund lasst jetzt der Henker endlich aus.
Selbst den Tyrannen rührt die Freundestreue,
und eine Politik, a völlig neue

knospet auf in seiner schwarzen Seele,
und er spricht nun aus belegter Kehle:
„Wissts was, wir gründen jetzt eine Partei,
und <Freundschaft> deren Gruß und Motto sei!
Ich hoffe sehr, ihr beiden seids dabei,
und ich bekomm die Mitgliedsnumer drei!“


Diese neue Version der „Bürgschaft“ demonstriert eine völlig andere Art von Verdichtung als etwa das „Weideröslein“, denn meine Verse widersprechen nicht der Botschaft, die uns der Autor des Originals übermitteln wollte, sie bewahren sie vielmehr davor, in der Flut von 868 Wörtern unterzugehen, die Schiller benötigte, um auszudrücken, was er auf dem Herzen hatte. „Verdichten“ bedeutet hier die Schaffung eines Konzentrats, das in nur 353 Wörtern doch das Wesentliche enthält, dabei aber auf widersprüchliche hydrogeographische Angaben oder reißerische Schilderungen sizilianischer Kriminalität verzichtet.


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