Heinrich Seine Nachtgedanken

Der Autor liest:

Denk ich an Wahlen hier auf d Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn,
und wir ham alles schon gesehn!
Trotzdem sind d Wähler hingegangen
und ham gewählt den frechen Rangen.1

Mein Sehnen und Verlangen wächst,
zu finden, was die Leut enthext.
Die immergleiche Gschicht, die alte…
Gott ihnen den Verstand erhalte!

Dj Erinnerung, die ihnen blieb,
ist lückenhaft als wie ein Sieb.
Wie ham wir bei der Wahl gezittert!
…Dann hat s Ergebnis uns erschüttert.

Dennoch versteh ich, es macht Sinn.
Zwölf Jahr (und mehr noch) flossen hin,
zwölf Jahr (und mehr) sind nun verflossen,
derweil hat viel die Leut verdrossen.

Geprüft ward Östreich … doch bestand:
S ist ein noch halbwegs gsundes Land!
Noch mancher Anus wird verschwinden
und – hoff ich – sich nicht wiederfinden.

Nach Östreich lechzt ich nicht so sehr,
wenn s irngdwo anders besser wär.
Das würd das Ausharrn mir verderben,
müsst ich auch in der Fremde sterben!

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
wienrisch-heitres Tageslicht.
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen –
– und lächelt fort der Nächte Sorgen.


Ich gehe davon aus, dass Sie erkannt haben, dass ich hier Heinrich Heines „Nachtgedanken“ „verdichtet“ habe, da doch schon die Überschrift mit dem Namen des Dichters und dem Titel eines seiner Werke spielt.

Ich bin diesmal wieder dem Rhythmus und den Reimen des Originals so weit gefolgt, als es nur möglich war. Andernfalls wäre ich vielleicht bei den „heißen Tränen“, die nächtens fließen, ein bisserl zurückhaltender gewesen, und um darauf hinzuweisen, dass zwölf Jahre (und mehr)2 um sind, hätte mir persönlich auch eine Zeile vollauf genügt.

Wachsendes „Sehnen und Verlangen“ wollte ich aber denn doch nicht doppelt im Text haben, und widmete den Raum, den eines davon eingenommen hätte, lieber dem „frechen Rangen“, den manche eine Zeit lang für einen österreichischen Bundeskanzler gehalten haben.

Noch etwas stört mich ein wenig am Original: Um den dringenden Wunsch nach Überwindung der vormärzlichen Polizei- und Kleinstaaterei auf deutschem Boden zu bezeichnen, hätte ich nicht unbedingt den Ausdruck „nach Deutschland lechzen“ verwendet. Da aber Heine in seinen „Nachtgedanken“ nun einmal meint, „lechzen“ zu müssen, tu ich es ihm gleich und lechze auch, nur halt nicht nach Deutschland.

Bismarck und die Hohenzollern haben es bekanntlich vorgezogen, in einem kleinen deutschen Nationalstaat die erste Geige zu spielen, statt sich in einem größeren von uns dreinreden zu lassen. Mein Lechzen gilt darum der (von Jörg Haider weiland so genannten) „politischen Missgeburt“ Österreich. Ich würd‘ ja eher „Nachgeburt“ sagen, weil wir anlässlich des Kaiserschnitts von 1866 bei Königgrätz als entbehrlich entfernt wurden, denn wir konnten (und sollten wohl) für das Baby – ein schwarzweißrot gestreiftes niedliches kleines Deutschland – nichts mehr tun.

Der Umstand, dass uns die Eltern des Neugeborenen – Bismarck und Wilhelm I. – verstoßen hatten, hinderte das (deutsch)nationale, „dritte“ Lager in Österreich nicht, sie anzuhimmeln. Den Gründervater dieses Lagers, Georg Schönerer, erregte 1888 die im Neuen Wiener Tagblatt etwas voreilig publizierte Nachricht vom Ableben Wilhelms I. derartig, dass er sich dazu hinreißen ließ, mit gut zwei Dutzend seiner Anhänger in die Redaktion der Zeitung einzudringen und sich dort aufzuführen wie die Axt im Walde. Der Vorfall kostete ihn seine politische Karriere, und viele seiner Parteigänger wanderten zu Lueger ab. Das Hinundherwandern der Wähler zwischen den „Nationalen“ und den Christlichsozialen – je nachdem, welches der beiden Lager gerade den neuesten Skandal hervorgebracht hat – hält bis heute an.

Der „Heim ins Reich“-Gedanke dürfte der einfach nur von Überfremdungsängsten geplagten Masse der FPÖ-Wähler kein Anliegen mehr sein, sehr wohl aber noch den farbentragenden „Akademikern“ des „nationalen“ Lagers, die sich gerne als studentische Freiwillige der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 verkleiden. Diese Burschen unterstützen einander nicht nur dabei, die Karriereleiter hinaufzuklettern, sondern sind – ganz ähnlich wie die Dinka im Südsudan oder die Haussa in Westafrika – einander gelegentlich auch bei der Erlangung dekorativer Gesichtsnarben behilflich, welche im Laufe düsterer Rituale mit langen Messern eingeritzt werden. Ob dieser Brauch nach den nächsten Wahlen wohl einen Platz (neben Blasmusik und Schnitzel) im Katalog unserer „Leitkultur“ ergattern wird?


  1. Die Erinnerung an den erst am politischen Firmament so hell leuchtenden und dann so schnell verglühten Kometen, der hier gemeint ist, verblasst sehr schnell, weshalb ich hier seinen Namen nenne: Sebastian Kurz (österreichischer Bundeskanzler von Dezember 2017 bis Mai 2019 und von Jänner 2020 bis Oktober 2021). ↩︎
  2. Stellen Sie sich bitte unter „zwölf und mehr“ so viele Jahre vor, dass Sie beim Zurückrechnen in den Februar 2000 gelangen. Der Christlichsoziale Wolfgang Schüssel bildete damals in Österreich seine erste Koalitionsregierung mit dem „Dritten Lager“, dessen Führer Jörg Haider allerdings nicht den „Vize“ unter Schüssel abgeben wollte und diese Position deshalb Susanne Riess-Passer überließ. ↩︎

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