Lob der Fatwa

Der Autor liest:

A „Fatwa“ is a Rechts-gut-ach-ten,
Eine „Fatwa“ ist ein Rechtsgutachten,
dô muass ma net jeds Môj wen schlachten!
da muss man nicht jedes Mal jemanden schlachten!
Waunnst waßt, wo s laung geht daunk der Fatwas …
Wenn du dank der Fatwas weißt, wo’s lang geht …
I sôg da ehrlich: „Héast, das hat was!“
Ich sag dir ehrlich: „Du, das hat was“!

Dô hôst a Richtschnur uman Hôjs,
Da hast du eine Richtschnur um den Hals,
wôs d wissen wü(ll)st, des sông da ôjjs
was du wissen willst, das sagen dir alles
(des Wichtigste hôjt jedenfôjjs)
(das Wichtigste halt jedenfalls)
die schriftgelehrten Turban-Boys:
die schriftgelehrten Turban-Boys:

Darf man die Ôjde nôckat sehn,
Darf man die Ehefrau nackt sehen,
bevua … nau waßt eh, wôs i man …?
bevor … na du weißt ja ohnehin, was ich meine …?
Muss man zuerst das Licht abdrehn,
Muss man zuerst das Licht abdrehn,
bevor man sich ihr nähern kann?
bevor man sich ihr nähern kann?

Und wojjtest net scho immer wissen,
Und wolltest du nicht schon immer wissen,
obs net a Sünd is, zu genießen
ob’s nicht eine Sünde ist, zu genießen
de Mü(l)ch vom Tuttel deiner Frau?
die Milch von der Brust deiner Frau?
(Wäu sunst kummts eh nur zu an Schtau!1
(Denn sonst kommt es ohnehin nur zu einem Stau!)

Und sixtas, dafia gibt s Gelehrte
Und siehst du, dafür gibt’s Gelehrte
mit dicke Brü(ll)n, gaunz ehrenwerte,
mit dicken Brillen, ganz ehrenwerte,
fia ihre Weisheit hochverehrte,
für ihre Weisheit hochverehrte,
und meistens haum die a so Bärte.
und meistens haben die auch solche Bärte.

Die tun dir alles das entscheiden!
Die entscheiden das alles für dich!
… Im Kaumpf géng Blasphemisten, Heiden
… Im Kampf gegen Blasphemisten, Heiden
lôsst si s hôlt maunchmôj net vermeiden,
lässt sich’s halt manchmal nicht vermeiden,
dass ma empfüh(l)t dés Hôjsô(b)schneiden.
dass man das Halsabschneiden empfiehlt .


Mit dem Messerattentat auf den Schriftsteller Salman Rushdie, das sich Mitte August 2022 in den USA ereignete, stieg auch der Begriff der „Fatwa“ aus den Tiefen der Vergessenheit vorübergehend wieder an die Oberfläche des westlichen öffentlichen Bewusstseins, das ihn als so etwas wie einen „Bannfluch“ oder ein „Todesurteil“ missversteht.

„Fatwa“ ist ein arabisches Wort, und das Arabische gehört mit Hebräisch, Aramäisch, Amharisch und anderen Idiomen zur Familie der semitischen Sprachen. Noahs Buben haben es nämlich nach der Sintflut nicht mehr bei der Familie ausgehalten und sind in die noch feuchte, leere weite Welt gezogen, um sie zu bevölkern. Sem ist nach Asien gegangen, um dort Stammvater der „Semiten“ zu werden, und Ham nach Afrika. Das glaubt seit dem 19. Jahrhundert niemand mehr so richtig, aber zur Bezeichnung einer Sprachfamilie wird der Begriff „semitisch“ heute noch verwendet. Die meisten Wörter semitischer Sprachen beruhen auf „Wurzeln“ aus (zumeist) drei Konsonanten, die bereits Träger einer Grundbedeutung sind. Konkrete Wörter entstehen durch Hinzufügen weiterer Laute nach bestimmten Wortbildungsgesetzen. So werden im Arabischen aus der Wurzel slm – „alles, was mit Gesundheit und Wohlbehaltenheit zusammenhängt“ – die Wörter „salām“, „islām“, „muslim“ und noch viele mehr. Wenn aber einer der drei Konsonanten „schwach“ ist, das heißt (nach der Umschrift-Regelung der Deutsch-Morgenländischen Gesellschaft) ein „y“ oder ein „w“, dann wird’s kompliziert. Manchmal oszilliert ein schwacher Wurzelkonsonant auch zwischen „y“ und „w“, dann wird alles noch unregelmäßiger. Und so ist das auch im Fall des Wortes „Fatwa“, das auf der Wurzel ftw/y beruht, die erstaunlicherweise mit „Jungsein“ und mit „Rechtsgelehrsamkeit“ zu tun hat. Konkrete, davon abgeleitete Wörter sind etwa:
fatan“ – Jüngling, „fatāt“ – junges Mädchen, „futūwa“ – Jugend, „fatwā“ – Rechtsgutachten und „mufti(n)“ – Ausleger des islamischen Rechts.

Man wird also dieser fruchtbaren und schillernden Wortwurzel nicht gerecht, wenn man sie auf die Kreation von Ächtungsbescheiden reduziert. Es geht nicht immer nur darum, Blasphemiker für vogelfrei zu erklären; die Fatwas2 – Schlüsse, zu denen Gelehrte des islamischen Rechts gelangen – können sich auf alle möglichen Bereiche des Lebens beziehen. Und auch zu den brennenden Fragen, ob der Ehemann die Ehefrau nackt sehen dürfe, oder ob es ihm gestattet sei, Milch am Busen der stillenden Ehefrau zu nuckeln, gibt es wohlbegründete Fatwas! Und – große Erleichterung! – beides ist dem Ehemann erlaubt!


  1. Milchstau: Schmerzende Verhärtungen in der beim Stillen nicht in ausreichendem Maße geleerten Brust. ↩︎
  2. Korrekte arabische Plurale von „fatwā“ lauten „fatāwin“ und „fatāwā“. ↩︎

Entdecke mehr von Gschichtl

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar