Einen Teil meines Berufslebens habe ich als Schulmeister zugebracht, und dabei vor allem selbst eine Menge gelernt, zum Beispiel, dass es in den berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen nicht nur einen Herrn oder eine Frau Direktor gibt, wie in den Gymnasien, sondern auch Halbgötter, welche die diversen Fachabteilungen leiten.
Jeder akademisch geweihte Techniker, den seine Berufung zu pädagogischem Wirken von der freien Wildbahn der Wirtschaft in das Gehege einer Höheren Technischen Lehranstalt geführt hat, möchte wenigstens dort irgendwann einmal zum Abteilungsvorstand aufsteigen, damit die Frau auf ihn stolz sein kann. In eine leitende Position vorgedrungen, muss der Mann (selten die Frau) der Fachpraxis sich natürlich mehr mit administrativem Kram und den einschlägigen gesetzlichen Vorschriften abgeben, als ihm (selten ihr) lieb ist. Nur einige wenige nehmen das nicht einfach nur als unvermeidlich hin, sondern widmen sich gerade den dürrsten Feldern der Unterrichtsverwaltung mit derartiger Inbrunst, dass sie schließlich zu allwissenden Orakeln der Administration werden.
Ich erinnere mich da insbesondere eines Herren (nennen wir ihn Dipl. Ing. Glugowski), der – immer, wenn während einer Konferenz seine Expertise gefragt war – auf dem Sessel in eine bequeme, fast schon liegende Position rutschte, die Augen schloss und die Daumen unter die Revers seiner Anzugjacke schob, um – gleichsam hosenträgerschnalzend und nur mit seinem inneren Auge sehend – gelangweilt zu dozieren.
Einmal stellte sich (und damit ihm) im Zusammenhang mit der Berechnung der Überstunden die Frage, ob Lehrausgänge dem Buchstaben des Gesetzes nach denn als „Unterrichtserteilung“ zählten. Die ersehnte (und schließlich auch gewährte) Auskunft beeindruckte mich dermaßen, dass ich Abteilungsvorstand Glugowski auf der Stelle zu meinem Musos h. c. erkor. Inspiriert durch ihn, überkam mich denn gleich auch der Drang, die folgende Ballade zu schreiben:
Der Autor liest:
Offenbarung
Sieh, dort steigen Dämpfe auf
aus der Erden Schlund.
Da geht’s zum heil’gen Ort hinauf,
wo sich Gesetzes Geist tut kund.
Doch wen’ge nur sind auserwählt,
l‘Esprit des Loix zu schauen.
Die andern sich umsonst gequält,
ihr Lohn ist nur das Grauen.
Sie scharen um den Seher sich,
hängen an seinem Munde.
Keiner von seiner Seite wich,
zu hör’n durch ihn die Kunde.
Seht, er schließt das Auge nun,
zum Sehen braucht er’s nicht.
Was and’re mit den Augen tun,
tut er mit innerem Gesicht.
Nun ist der Geist in ihn gefahren,
drückt ihn mit mächtigem Gewicht!
Jetzt wird er sich gleich offenbaren,
wenn ihm nur nicht das Kreuze bricht!
Fast liegt er nun schon ganz darnieder,
Schaum auf seinen Lippen steht –
Herr, gib ihn uns gesund nur wieder!
Ein kalter Hauch jetzt um ihn weht.
Dann bricht’s heraus mit hohlem Klang –
Er spricht, rückt auf, Beeilung!
„… Lehrausgang … Lehrausgang …
is keeiine Onterrichtserteilung!“
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