Regenbogenschießen

Der Autor liest:

Sehet, meine tapfren Mannen,
oben dort den Regenbogen!
Wem gelingt es, ihn zu spannen?
Mein Dank dem Helden sicher ist,
der, bis die Wolken sind verflogen,
damit Strahlenpfeile schießt!

Und – wird mir auch das Herze bluten –
die Tochter geb ich ihm zur Frau,
dem Lehensmanne, diesem guten!
Taille hat sie leider keine.
Dünn ist ihr Haar und auch schon grau,
doch dick dafür sind Leib und Beine.

Ihr Äußres wird euch nicht so taugen;
schaut man jedoch die innren Werte,
durch helle, transparente Augen
und jene herzensgute Seele,
die Gott zum Ausgleich ihr bescherte,
dann gleichet sie einem Juwele!

Herr Kwapil nehmen S Ihre Hand
von Schwester Hildegards Popó!
So, jetzt verlass ma s Märchenland
in Richtung Zwanzgerpavillon.
Machts weiter, trödelts nicht asó,
weil die Tabletten warten schon.

Der Eingang des Pavillon 15, der ehemaligen „Kinderfachabteilung“ Wikipedia / Haeferl (CC BY-SA 3.0)

Dieses Gedicht widme ich dem Andenken meines alten Schulfreunds Albert, der sich mit Ende zwanzig die Diagnose „schizophren“ eingehandelt hatte und seither immer wieder stationär oder als Tagespatient in der Klinik Penzing zu Gast war. Die alte Bezeichnung „Am Steinhof“ ist für dieses Spital – mit allem, was da im Hintergrund an Konnotationen mitschwingt – immer noch in umgangssprachlicher Verwendung. Als Kinder widmeten wir einander gerne folgenden Spruch, um den Verdacht einer psychischen Erkrankung anzudeuten:

„Schta(n)hof, Schta(n)hof môch s Tirl auf,
da Hansi [Pepi, Franzi, Karli, Fritzi,…] kummt in n Dauerlauf!“

Von der mörderischen „Heilpädagogik“, die während der NS-Zeit am „Spiegelgrund“ unter der Leitung eines gewissen Heinrich Gross (und anderer) praktiziert worden war, wussten wir Gschrappen natürlich nichts; und auch die Erwachsenen wussten davon anscheinend so wenig, dass Gross neunzig Jahre alt werden konnte, ohne jemals rechtskräftig verurteilt worden zu sein.

Solange seine Medikamente ihn in jenem Gleichgewicht hielten, das wir als psychisch „gesund“ Geltenden als „normal“ bezeichnen, war der Albert so, wie ich ihn aus unserer gemeinsamen Schulzeit kannte: witzig, schlagfertig und voll skurriler Einfälle. Er aber meinte – so wie viele andere, die schwere Psychopharmaka verordnet bekommen –, dass die Medikamente ihn zu jemandem anderen machten, und er unter ihrer Wirkung aufhöre, er selbst zu sein. Wenn er sie deshalb kurzerhand absetzte, wurde er bald auffällig, so etwa während der Sonntagsmesse, wo er begann, sein eigenes, weit originelleres Programm abzuspulen. Der Pfarrer kam natürlich mit der ungewohnten Konkurrenz nicht zurecht und verschaffte ihm einen weiteren seiner stationären Aufenthalte „Am Steinhof“.

Wenn wir uns trafen, erzählte der Albert gerne von seinen scherzhaften Plänkeleien mit einer Psychologin, die „Am Steinhof“ für die Tagespatienten zuständig war. Er genoss die Gespräche mit dieser Betreuerin offenbar sehr, weshalb ich ihr in meiner Ballade ein verstecktes kleines Denkmal als „Schwester Hildegard“ gesetzt habe.


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