Der Autor singt:
https://www.youtube.com/@Manfred.Goritschnig
Wenn ein junger Mann von „Pfandl“ spricht:
„Pfandhaus“ heißt’s, „Pfanne“ nicht.
Und hat er ein lyrisches Gemüt,
wird daraus oft ein Lied.
Was ihn dazu trieb, dass er’s niederschrieb,
heißt: „Ich hab‘ dich lieb!“
Mariandl-andl-andl,
trag deinen Schmuck ins Pfandl, Pfandl,
weil sonst der Sepp versinkt
in Wettschulden sofort.
Mariandl-andl-andl,
Du hast sein Herz am Bandl-Bandl.
Halt es nur fest, dann lässt
der Sepp den Pferdesport.
Zwar geht er immer zur Kathrein,
dran ist der Donaustrom nicht schuld und nicht der Wein.
Geh ins Pfandl, Mariandl,
dann trennt er sich, dein Seppi-Mandl
endgültig von Kathrein,
will mit dir glücklich sein!

Die Melodie und die Harmonie der Reime des vorliegenden Gedichts beruhen auf dem Mariandl-Lied, das Hans Lang1 für den Film „Der Hofrat Geiger“ von 1947 komponiert hat. Würdigen Sie bitte die schlaflosen Nächte, die ich mit dem Nach- und Verdichten des Textes verbracht habe, indem Sie meine Verse nicht etwa nur stumm lesen, sondern sich bemühen, sie mit einschmeichelnder Stimme zu singen wie weiland Maria Andergast.2
Dem Wikipedia-Eintrag, der dem Komponisten gewidmet ist, entnehme ich die aufregende Entstehungsgeschichte des Mariandl-Lieds:
„Lang fuhr eines Tages mit dem 41er (der Straßenbahnlinie 41 in Wien) nach Hause Richtung Pötzleinsdorf und stand auf der Plattform. Plötzlich, in der Währinger Straße, fielen ihm die ersten Zeilen und die Melodie für das Lied ein. Er summte es vor sich hin, das Mariandl -andl- andl, sprang von der fahrenden Straßenbahn ab und vergaß dabei sogar seinen Hut mitzunehmen. Das Lied war geboren.“
Drei Viertel eines Jahrhunderts später zehre ich noch von der Idee, die Hans Lang so unvermittelt im 41er angesprungen ist, und halte an den bewährten andl-andl-andl-Reimen fest. Allerdings habe ich einen Tunichtgut in das Nachkriegsidyll eingeschleust, der zwar das ansonsten unvermeidliche Happy End ein bisserl in Gefahr bringt, dessen Tun und Treiben aber auch die Lesenden/Hörenden veranlasst, zu denken und sich Fragen zu stellen: Wird das Mariandl seinen Schmuck wirklich im Pfandl versetzen? Wird sich der Sepp, dieser Nichtsnutz, gegebenenfalls wirklich von der Kathrein trennen und die Pferdewetten lassen? Was lernen wir aus der nun mit neuer Spannung aufgeladenen Geschichte über das Verhältnis der Geschlechter zueinander? Eine weitere Frage, die sich aber schon 1947 stellte, lautet: Was, um alles in der Welt, haben der Donaustrom und der Wein mit der Wachauer Beziehungskiste zu tun?
Meine überarbeitete, „verdichtete“ Version des Mariandl-Lieds richtet sich also eher an den Intellekt der Lesenden während das Original, und überhaupt der ganze Film, wohl mehr der Befriedigung viszeraler Bedürfnisse der schwer durchgebeutelten Kriegsgeneration dienen sollte, welche die NS-Zeit möglichst schnell zu verdrängen trachtete. Der Untertitel des Streifens lautet denn auch: „Lasst uns einen Schlussstrich ziehen!“
Da Hofrat Geiger (Paul Hörbiger) nämlich die Fehler wieder gutmachen möchte, die er in seiner Beziehung zur Mariann‘ (Maria Andergast) gemacht hat, bietet sich dieser die Gelegenheit, dem Liebhaber von einst – und damit dem im Kinosaal versammelten gesunden Volksempfinden – indigniert mitzuteilen, dass sie das Wort „Wiedergutmachung“3 schon nicht mehr hören könne. Ich schätze, dass in diesem Moment der Funke von der Leinwand ins Publikum übergesprungen sein wird.
Nach einer grauslichen Diktatur können die meisten Leute einander halt nicht in die Augen sehen und schon gar nicht den überlebenden Verfolgten und Widerständlern, die deshalb nicht mit ihrer Sympathie zu rechnen brauchen. Die Mehrheit der kleinen Mitläufer und einfach nur fügsam Gewesenen fühlt sich in ähnlicher Weise viktimisiert wie „der Herr Karl“4 und ist ebenso entnervt und ungehalten wie im Film die Mariann‘.
Ein bisserl eine leicht verdauliche Unterhaltung, aus der man Bestätigung und Absolution herauslesen konnte, kam mit dem Willi Forst-Filmchen von 1947 gerade recht. Der Streifen lockte jedenfalls besonders viele Besucherinnen und Besucher ins Kino (mehr Geschlechter gabs im ärmlichen Nachkriegsösterreich noch nicht).
- Hans Lang (1908-1992), Komponist von Unterhaltungsmusik und Wienerliedern. ↩︎
- Maria Andergast (1912-1995), österreichische Schauspielerin und Sängerin. ↩︎
- In Österreich gabs keine „Wiedergutmachung“, denn der österreichische Staat als „erstes Opfer“ der Hitlerei hatte nichts wiedergutzumachen. Es gab nur widerwillige und völlig unzureichende Restitution (Innenminister Helmer: „Ich bin dafür die Sache in die Länge zu ziehen“) sowie Fürsorgemaßnahmen, wobei das Opferfürsorgesetz erst 1947 beschlossen wurde, das die „Opferfürsorge“ zunächst aktiven Widerständlern vorbehielt. ↩︎
- Aundere, mei Liawa, haum si gsundgschtessen, Existenzen wurden aufgebaut, Gschäfter arisiert, Firmen, Häuser … i hôb an Juden gführt, i wôar a Opfer. ↩︎
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