Der Autor liest:
Ich will euch von der Glocke künden,
in die alles „Normale“ passt.
Die wirst bei Schiller du nicht finden,
wie du vielleicht erwartet hast.
Ein andrer Friedrich ist ihr Vater,
nämlich Carl Friedrich Gauß.
„Normales“ aufgezeichnet hat er,
und eine Glocke kam heraus,
mit Rändern, ziemlich abgeflachten,
wo Radikales gern entspringt,
und brave Bürger bloß verachten
die Lieder, die man dorten singt …
Es sei denn, dass das Radikale
als Norm für sie verbindlich wird:
Zum steilen Gruße heben alle
die Hand, weil s sich dann so gebührt.
Wenn es erforderlich sein sollte,
dann ballt die Hand sich auch zur Faust
des Mannes, der das gar nicht wollte,
und dem es vor den Roten graust.
Dort wo die Glocke hoch sich wölbet,
sind immer Mehrheiten zu Haus.
Woanders findt ma die so schnőll net,
drum sucht beharrlich dort Applaus,
wer Wahlen zu gewinnen trachtet,
und wird zum gsunden Volksempfinder,
als hätt er n Hausverstand gepachtet
(sie volksempfindelt da nicht minder!).
Mich lässt all das verwirrt zurücke:
Bin ich denn überhaupt normal?
Wenn mir doch, was die schwarze Clique
„normal“ findt, scheinet öd und schal
wie der Musikantenstadl? …
Und heiß durchfährt mich ein Gedanke
von der Schläfe bis ins Wadl:
Die Glockenform, die oben schlanke
und unten breit sich streckende,
zeigt nichts was klinget oder läutet!
Und das ist das Erschreckende:
Ein Bierzelt zweifellos bedeutet,
was Gauß hat für uns aufgezeichnet!
Solche, die abnorm nur denken,
die bleiben draußt, drum findt ma s gleich net.
Doch in der Mitten auf den Bänken
sitzen ganz normale Leute,
die denken wie man denken sollte.
Was das heißt, liest man in „Heute“1.
Das ist es, was ich sagen wollte.
Die Inspiration zu dieser Ballade verdanke ich Johanna Mikl-Leitner, die bekanntlich vor einer Weile zu der schweren Bürde einer niederösterreichischen Landeshauptfrau auch noch die einer Schutzpatronin der „Normaldenkenden“, der „breiten, schweigenden Mehrheit“ und der „breiten Mitte“ auf sich genommen hat, wobei sie aber bitteschön niemals davon ausgegangen ist, dass dem Begriff „normal“ der des „Abnormalen“ gegenübergestellt werden müsse, denn das politische Gegenteil von „normal“ ist nach ihrer Ansicht „radikal“!
Und Johanna Normalia hat es (härtere Strafen für Integrationsunwillige und Strafmündigkeit ab zwölf Jahren fordernd) schon wieder getan:
„Die große Mehrheit der normal denkenden Bevölkerung darf sich nicht weiter von einer verantwortungslosen Minderheit tyrannisieren lassen.“2
Zu den von Mikl-Leitner angesprochenen Problemen mag man stehen wie man will, jedenfalls ist es von den „Normaldenkenden“ nicht weit zum „gesunden Volksempfinden“ und zu lumpenproletarischer und kleinbürgerlich-rabiater … na, sagen wir „Tabularasanz“. Und die ist wiederum radikal und entspricht weitgehend dem, was die Streckhandgrüßer einst dachten.
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