Setzen!

Der Autor liest:

Wer wohnt in einer fremden Hütte,
ohne Erlaubnis, ohne Miete,
den nennt man einen Hausbesetzer,
doch schlimmer ist ein Volksverhetzer.

Ziemlich beliebt sind Ofensetzer
(nur die aus Erfurt eher nicht1),
ein Schwätzer ist, wer zu viel spricht,
und Ketzer mag ich mehr als Petzer.

Franz Jonas war ein Schriftensetzer
und Präsident der Republik.
Blackout“ nennt man den Aussetzer,
wenn von Gewusstem fehlt ein Stück.

Und mehr als jeden Übersetzer
schätzt eine Hausfrau Untersetzer,
weil diese nämlich nur vermeiden
ein ringförmiges Möbelleiden.


Mit diesen schlichten Zeilen möchte ich meinen Dank dafür zum Ausdruck bringen, dass ich mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen durfte, meinen Dank dafür, dass mir damit der ganze Reichtum an Nuancen zur Verfügung steht, welcher dieser Sprache eignet und es mir gestattet, mit so großer Genauigkeit zu sagen, was ich sagen will, wofür das obige Gedicht als Beleg dienen kann. In einem Idiom, das etwa die doppelte Negation nicht nur toleriert, sondern womöglich zur Regel erhebt, wäre solche Präzision nicht denkbar.

Nehmen Sie ein einfaches deutsches Verb wie „setzen“, versehen Sie es mit verschiedenen Vorsilben – und staunen Sie über eine fantastische Welt, die sich Ihnen öffnet:

Man kann aus der Luft Truppen hinter den Grenzbefestigungen des Erzfeindes absetzen, das Gebiet dort besetzen und ein bisserl Entsetzen verbreiten … Gut, dieses Beispiel war vielleicht jetzt nicht ganz glücklich gewählt. Nein, für „Entsetzen“ greifen wir lieber auf den Ian Sobieski zurück, der uns 1683 während der Belagerung Wiens durch die Türken mit einem Entsatzheer zu Hilfe gekommen ist. Und man könnte selbstverständlich auch jemandem ein üppiges Mahl vorsetzen, selber Speck oder einen Kräuterschnaps ansetzen, einen Untergebenen in die tiefste Provinz oder sich in jemandes anderen Lage versetzen. Wer damit nicht das Auslangen findet, kann immer noch andere kühne Pläne oder Topfpflanzen umsetzen. Und wenn der Babyalligator schon ein bisserl zu groß geworden ist, kann man ihn an der Alten Donau aussetzen; wenn man beim UNO-Spielen die entsprechende Karte gezogen hat, muss man sogar aussetzen!

Selbstverständlich lässt sich auch die Bedeutung aller anderen deutschen Verben durch das Anfügen von Vorsilben variieren. Mehr noch: Die gleiche Vorsilbe kann völlig gegensätzliche Konnotationen zum Schwingen bringen! „Stehen“ zum Beispiel kann durch das Anfügen von auf zur Respektsbezeugung wohldisziplinierter Schüler ihrem Lehrer gegenüber werden, aber auch zu einem regelrechten „Aufstand“ mit Barrikadenkämpfen und allem Drum und Dran. Was im konkreten Einzelfall dann wirklich herauskommt, weiß man vorher oft nicht.

Während meiner Gymnasialzeit in den Sechzigern traten uns ein paar Lehrer gegenüber, denen der Wehrmachtsdrill noch in den Knochen saß, sodass sie uns, die wir uns respektvoll erhoben hatten, am Beginn ihrer Unterrichtsstunde für ein paar lange Sekunden musterten wie der Herr Hauptmann die Kompanie, um dann doch nicht „rührt euch!“, sondern „setzen!“ zu kommandieren, womit sich in wunderbarer Weise der Kreis schließt.


  1. Hausübung: Recherchieren Sie im Internet zur Firma Topf & Söhne. ↩︎

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