Wehret den Anfängen!

Der Autor liest:

Wie kann man Anfängen denn wehren,
wenn diese demokratisch keimen?
Mach ich das dann mit meinen Reimen?
Soll ich die „Anfänger“ betören

mit der Schönheit meiner Strophen,
die nach der harten Hand sich sehnen?
Hart zu andern, nicht zu denen –
– glauben sie und tun es hoffen.

Die werde ich wohl nicht bekehren
mit noch so gut gewählten Worten,
nicht mit sehr groben, nicht mit zôarten.
Wie also bitte tut man „wehren

(frag nun zum zweiten Male ich),
wenn nicht mit der Wählerstimme?
Zielend über Korn und Kimme?
Ich weiß schon, das ist lächerlich,

zumal die Schießzeug-Expertise,
speziell der bum-bum-Glockgebrauch
(nicht nur auf Deutsch, auf Russisch auch!)
gedeiht auf der Politspielwiese

der „Anfänger“, das weiß man ja.
Ein Video, ein aufschlussreiches
über die Planung eines Streiches
zeigt Schießuntricht auf Ibiza.

Lasst sich das lernen oder lehren
(nämlich den Anfängen zu wehren)?
mich möchert schon der Dativ stören,
den man hier bekommt zu hören.

Nach Sonntagsreden klingt s für mich,
zu den diversen Jahrestagen.
Sich wehren“ würd man sonst wohl sagen,
das klingt nicht gar so feierlich

und falsch wie wenn aus gleichem Munde,
der Anfängen hat grad gewehrt,
man gleich am Montag wieder hört
von der „Leitkultur“ die Kunde

und die vom gsunden Volksempfinden,
das mit ganz „normalem Denken
(berechenbar und leicht zu lenken)
sich problemlos lässt verbinden.

…Petitionen unterschrieben,
mit Gleichgesinnten mitgehatscht,
umsonst die Hausmeistrin bequatscht,
und was weiß ich was noch getrieben…

Ob das was nutzt? – Ich weiß es nicht.
Hast du bloß Worte um zu streiten,
so schränkt das ein die Möglichkeiten.
Am Werkzeug fehlt s aus meiner Sicht,

denn wo ist nur der große Hammer,
mit dem der Mann auf dem Plakat
das Hakenkreuz zerschmettert hat?
Mim Hammer besser wehren kamma!

So wiss ma zwar, „es“ fängt schon an,
doch wart ma erst auf s Resultat
der Wahl und ob dann gwonnen hat
das, dem man wehrt, …solang man kann.


Die Formel „Wehret den Anfängen“ lässt mich an eine Variante des Whack-A-Mole-Spiels denken, die einem früher im Wiener Wurschtelprater die Gelegenheit bot, den Kampf gegen das Böse zu üben: Aus den Löchern im Spielfeld tauchten nämlich nicht Maulwürfe immer wieder auf, sondern boshaft grinsende Teufelsköpfchen, von denen man möglichst viele mit einem Gummihammer ins Inferno zurückschlug, bis die Zeit abgelaufen war, die man sich durch den Einwurf einer Münze für dieses exorzistische Vergnügen erkauft hatte.

Zuschlagen war immer richtig, man wusste, dass aus den Löchern des Teuferlversenkspiels niemals unschuldige Kinder, Nobelpreisträger oder Heilige auftauchen würden, sondern immer nur das Böse, dem es unter Einsatz roher körperlicher Gewalt zu wehren galt – eine wunderbar einfach strukturierte kleine Welt!

Anders als das beschriebene Automatenspiel unterliegt der politische Alltag jedoch leider dem Sinowatz’schen Prinzip: „Es ist alles sehr kompliziert.“1 Das Böse fühlt sich selbstverständlich nicht als solches, trägt aber dennoch seine Insignien nicht gleich offen zur Schau, sondern versteckt sie im Keller oder im Extrazimmer der Gastwirtschaft Steisshäuptl in Bad Brauning,2 denn es möchte nicht von den Gutmenschen beim (zunächst durchaus verfassungskonformen) Etablieren der „Anfänge“ gestört werden. Nur hin und wieder kommt einem Teuferl ein Bonmotscherl aus, das denen, die vielleicht schon etwas ungeduldig massiver, offener „Anfänge“ harren, signalisiert: „Wir sind wieder da, die Sache ist in Arbeit!“

Es gibt kein universelles Handbuch, in dem man nachlesen könnte, wie genau „Anfänge“ an einem bestimmten Punkt der Zeitleiste aussehen und wie ihnen ab welchem Stadium der Entwicklung zu „wehren“ sei. Lediglich die Grenzen sind einigermaßen klar definiert, welche die Rechtsordnung dem „Wehren“ setzt. Viele Fragen bleiben offen, und manche davon können nur individuell beantwortet werden, nicht zuletzt auch die, wie weit zu gehen man oder frau bereit ist, wenn es sich darum handelt, „den Anfängen zu wehren“.


  1. Tatsächlich hat Bundeskanzler Fred Sinowatz (laut einem Standard-Artikel) in seiner Regierungserklärung von 1983 aber gesagt: „Ich weiß, das klingt alles sehr kompliziert …“ ↩︎
  2. Ort der Handlung des Films „Der Himbeerpflücker„. ↩︎

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