Missverständnis oder das kanonische Zinsverbot

Der Autor liest:

I bin séa fia s Zinsvabot,
Ich bin sehr fürs Zinsverbot,
wäu daunn nämlich a Ende hôt,
weil dann nämlich ein Ende hat,
dass i aum Éaschtn jédes Môj
dass ich am Ersten jedes Mal
den hôjbm Lohn in Haushéan zôj,
den halben Lohn dem Hausherrn zahle,

dém Klinglbeidl, héast, dém ôjdn;
diesem alten Klingelbeutel;
sein Sohn muaß praktisch i dahôjdn!
seinen Sohn muss praktisch ich erhalten!
Déa schpüt Compjuta n gaunzn Tôg –
Der spielt den ganzen Tag nur am Computer –
i gäh dawäu aum Opfaschtock!
ich gehe inzwischen am Opferstock!

Und drum bin i katholisch wuan,
Und darum bin ich katholisch geworden,
wäu dé kan Zins net némma tuan;
weil die keinen Zins nehmen;
„kanonisch“, sôgt ma, is s vabotn,
„kanonisch“, so sagt man, ist das verboten,
drum môch i n Christn, in devotn.
darum gebe ich den devoten Christen.

Dé Vatikanbank pfeift aufs Gőd,
Die Vatikanbank pfeift aufs Geld,
wäu sie is ned vun diesa Wőd;
weil sie nicht von dieser Welt ist;
drum liegt déara Bank ihr Schtéake
darum liegt die Stärke der Bank
méa bei d religjösn Wéake.
mehr bei den religiösen Werken.

„Instituto per le Opere
„Instituto per le Opere
di Religione“
– ohne Schmäh –
di Religione“ – ohne Scherz –
dés is déara Bank ihr Nauman!
das ist der Name dieser Bank!
Zweifel lôsst dés einglich kaum an:
Das lässt eigentlich kaum einen Zweifel:

Dé gém ma sicha an Kredit,
Die gewähren mir sicher einen Kredit,
wäu duat da Glauwe no wôs gütt,
weil dort der Glaube noch etwas gilt,
dass i n amôj zruckzôjn kaunn,
dass ich ihn einmal zurückzahlen kann,
in féana Zukunft irgendwaunn!
in ferner Zukunft irgendwann!

Und ohne Zinsen sőbvaschtändlich,
Und ohne Zinsen selbstverständlich,
daunn kauf i ma a Wohnung endlich.
dann kauf ich mir endlich eine Wohnung.
Da Haushéa kaumma n Schuach aufblôsn
Der Hausherr kann mir den Schuh aufblasen,
und i brauch ma nix gfôjjn méa lôssn!
und ich brauche mir nichts mehr gefallen zu lassen!


Die scheinbar so perfekte Harmonie des Dreiklangs „Lehrstand-Wehrstand-Nährstand“ wurde ab dem Hohen Mittelalter durch das Mitklingen des Akkords Städtebürgertum-Warenproduktion-Markt-Geldwirtschaft zunehmend zur Kakophonie. Geistlichkeit und Adel („Lehrstand“ und „Wehrstand“) standen den neuen gesellschaftlichen Entwicklungen verständnislos gegenüber. Die Kirche leitete aus der Bibel (5. Buch Mose 23,20) das Verbot ab, Zinsen zu nehmen, wurde aber natürlich dennoch in die Geldwirtschaft verstrickt und fand schließlich sogar Gefallen daran, wie sich etwa am Ablasshandel zeigt. Das kanonische Zinsverbot ist zwar formal nie aufgehoben worden, spielt jedoch im praktischen Handeln der Kirche – anders als der Protagonist meines Gedichts denkt – schon lange keine Rolle mehr.


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