Der Autor liest:
Nicht mehr als die Erinnerung
ist über vom Volksstimmefest.1
Das Jahr wird alt, der Wein ist jung,
noch Saft und grade erst gepresst.
Drum wird hauptsächlich Bier geboten
lederbehosten Wiesioten
und vielen Dirndln unter diesen,
die drängen auf die Praterwiesn.
Fünfzehn Euro für die Maß –
halbert geschenkt, mein Freund, ist das
(und „Maß“ heißt das Einliterglas
bei unsern Nachbarn, bei den Baiern –
die trinken mehr, bevor sie reiern).
„Lauser“ spieln und „Zillertaler“
und noch andre Zeltbeschaller.
Die komplizierte weite Welt
vereinfacht sich im Wiesnzelt,
und eines Sinnes sind die Leute
mit „Krone“2 und mit U-Bahn-„Heute“.3
Nicht nur in der Kleidung Eintracht
und in Bezug auf die Musik,
auch darin, wo ma s Kreuzerl hinmacht,
wenn s geht um Wahln und Politik.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin überzeugter Wiener, aber der Wiener Heurigen-Weinseligkeit kann ich als Liebhaber flüssigen, prickelnden Goldes nicht viel abgewinnen. Da bin ich eher bei den Baiern. Verstehen Sie mich bitte aber auch da nicht gleich wieder falsch, denn größere Ansammlungen von Maßhaltern und Krügelschwenkern in Bierzelten oder -hallen verursachen mir auch ein gewisses Unbehagen, denn vielleicht steht ja gleich einer auf wie seinerzeit im Münchner Bürgerbräukeller, schießt mit einer Pistole in den Plafond oder ins Zeltdach, um sich Gehör zu verschaffen, und erklärt sich zum „Volkskanzler“ oder was weiß ich. Die Kaiserwiesn im Prater meide ich deshalb. Wenn Sie mich auf einem Fest im Prater antreffen wollen, kommen Sie bitte am letzten Wochenende der Sommerferien zur Jesuitenwiese.
- Das jährlich am Wochenende vor dem Ende der Sommer-Schulferien im Prater stattfindende Pressefest der kommunistischen Monatsschrift „Volksstimme“ (die bis 1991 als Tageszeitung erschien). ↩︎
- Die „Neue Kronenzeitung“, kurz: „Krone“ – mächtiges österreichisches Boulevard-Blatt im handlichen Kleinformat. ↩︎
- Auflagenstärkste Gratis-Zeitung Österreichs; sie erscheint in Wien, Niederösterreich und Oberösterreich sowie im Burgenland und wird – ebenso wie die Gratiszeitung „Ö24“ – in Entnahmeboxen angeboten, die an oder in den U-Bahnstationen aufgestellt sind. ↩︎
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