Ecstasy of Gold

Der Autor liest:

I bin ôôbrénnt, pleite, blaunk und flôch…
Ich bin abgebrannt, pleite, blank und mittellos („flach“)…
Dô kaunnst natiaḷich sông: „Dés is dei Sôch!“
Da(zu) kannst du natürlich sagen: „Das ist deine Sache!“
So afôch wia du glaubst is s ôwa net,
So einfach wie du denkst ist es aber nicht,
wäu s makroökonomisch gôa net gäht.
weil es makroökonomisch gar nicht geht.

Mei Kaufkrôft főht da Wiatschôft hint und vuan.
Meine Kaufkraft fehlt der Wirtschaft an allen Ecken und Enden.
Und waunn s no méa so ôame Wiaschtln gibt,
Und wenn es noch mehr solch arme Würstchen gibt,
daunn muaß dé Politik wôs tuan,
dann muss die Politik etwas tun,
wäu nämlich sunst dé Konjunktua glei kippt.
weil sonst nämlich gleich die Konjunktur kippt.

Wôs haumma daunn? A bôtzn Rezessjon!
Was haben wir dann? Eine Rezession, die sich gewaschen hat!
Da Pepi pumpt mi jedes Monat au(n),
Der Pepi pumpt mich jeden Monat an,
mi, – wo i doch aa kaum iwaḷebm kau(nn)!
mich, – wo ich doch selbst kaum überleben kann!
Da Koaḷ hôt a Minipension,
Der Karl hat eine Minipension,

mit déa ra kaum a Monat iwaschtäht.
mit der er kaum einen Monat übersteht.
Da Fraunz, déa griagt béschtimmt ka Hôckn méa,
Der Franz bekommt bestimmt keine Arbeit mehr,
nua füü zu jung fia d Pénsi is hôjt déa… 
nur ist er eben noch viel zu jung für die Pension…      
Wohi(n) dés makroökonomisch gäht,
Wohin das makroökonomisch führt,

sixt in mikro ḷaung vua dé Expéatn!
siehst du im Mikro(ökonomischen) lange vor den Experten!
Denn wéa Bétriebswiatschôft schtudiat hôt, déa
Denn wer Betreibswirtschaft studiert hat, der
tuat si min großen Gaunzn daunn hôjt schwéa
tut sich mit dem großen Ganzen dann eben schwer
und kummt zu einen Wőőtbüd, an vakéatn.
und kommt zu einem verkehrten Weltbild.

Déa hôjt in Schtôôt daunn fiar a Fiama,
Der hält den Staat dann für eine Firma,
wosd aussehaust dé Hőfte vun dé Ḷeit
in der man eine Hälfte der Leute kündigt
und d aundre Hőfte s Doppete ôaweit.
und die andere Hälfte doppelt so viel arbeiten lässt.
Dén Sozjalschtôôt fréssn dawäu d Wiama.
Den Sozialstaat fressen inzwischen die Würmer.

So fuffzg Müljonan Schujdn miasst ma haum,
So (um die) fünfzig Millionen Schulden müssten wir haben,
daunn waa ma ôlle ausn Schneida.
dann wären wir alle aus dem Schneider.
Owa ôjs Ôamutschgaḷ? – Gäh weida!
Aber als Habenichts? – Aussichtslos!
A iwazogans Konto hüft da kaum.
Ein überzogenes Konto hilft dir kaum.

Waunn s Schicksôj di in d Éckn drénga tuat,
Wenn das Schicksal dich in die Ecke drängt,
daunn is aa Irra-zio-nales guat,
dann ist auch Irrationales gut,
waunn s aus da Rüü dő Gack nua aussefiat,
sofern es nur aus der Bredouille herausführt,
wia di d Vazweiflung hoffm ḷôssn wiad.
wie dich die Verzweiflung hoffen lassen wird.

Drum diafts eich bitte gôa net wundan,
darum dürft ihr euch bitte gar nicht wundern,
waunns mi aum Zenträu zufőllig sächsts
wenn ihr zufällig auf dem Zentral(friedhof) seht
zwischen d Gréba umanaundatschundan,
wie ich zwischen den Gräbern umhereile.
obwojs eich dô natiaḷich frôgn mächts,
obwohl ihr euch natürlich fragen werdet,

wôs i, um Himmes Wüün, aum Friedhof suach.
was ich, um Himmels Willen, auf dem Friedhof suche.
Nau guat:… dés Grôb vun an Aatsch Stäntn.
Na gut:… das Grab eines gewissen Arch Stanton.
pôckt s mi jédes Môj, und i drah fôst duach,
Da packts mich jedes Mal, und ich drehe fast durch,
wäu s aundre vua mia findn kenntn.
weil es andere vor mir finden könnten.

A irres Glitzan griag i in dé Aung
Ein irres Glitzern bekomme ich in den Augen
und hétz vun einen Grôb zan aundan,
und hetze von einem Grab zum andern
ḷôss meine Blicke dabei waundan
und lasse dabei meine Blicke wandern
iwa ôlle Nauman braat und laung.
breit und lang über alle Namen.

Wäu iagndwo san dé Gojddôllas vaschteckt,
Denn irgendwo sind die Golddollars versteckt,
wôs uns ôlle aussereißn dädn,
die uns alle aus unserer Notlage befreien könnten,
waumma s wiaklich amôj gfundn hädn.
wenn wir sie wirklich einmal finden sollten.
Daunn, sôg i da, daunn knôjjt ôwa da Sekt!
Dann, sage ich dir, dann knallt aber der Sekt!


Angesichts von Notsituationen, vor denen die nach einem Ausweg suchende Ratio kapitulieren muss, wächst die Bereitschaft des Menschen, auch irrationale Lösungsansätze in Betracht zu ziehen. Häufig findet er dabei in irgendeiner Form zu Gott, den er sich durch eifriges Beten oder die Darbringung von Opfern zu verpflichten trachtet. Nicht selten macht er auch einen bestimmten Personenkreis für die missliche Lage verantwortlich, in der er sich befindet, und verschreibt sich eine Pogromkur. Diese beiden Problemlösungsmodelle ergänzen einander und werden auch gerne gemeinsam zum Einsatz gebracht.

Der Protagonist meines Gedichts hingegen – wir können ihn „Tukerl“ oder „Tuquito“ nennen – überlagert seine unerfreuliche Lebensrealität mit der Traumwelt des Films, konkret mit Sergio Leones Streifen „The Good, the Bad and the Ugly“.

Die Chancen, jemals das Grab eines gewissen Arch Stanton auf dem Wiener Zentralfriedhof zu finden, sind jedoch sehr gering. Die Wahrscheinlichkeit, darin 200.000 aus einer konföderierten Regimentskasse gestohlene Golddollars zu finden, ist noch geringer, denn unser Tukerl kennt anscheinend ein kleines, aber wichtiges Detail noch nicht: nämlich, dass der Schatz in (filmischer) Wahrheit im Grab eines Unbekannten neben dem von Arch Stanton versteckt ist. Zu dem ausgelassenen Sekt-Umtrunk, den er für den Fall des erfolgreichen Abschlusses seiner Schatzsuche plant, wird es wohl nie kommen. Aber Ennio Morricones monumentale Musik verleiht dem Scheitern Tukerls einen Hauch von melancholischer Würde und Größe, und irgendwo in der Tiefe seiner Seele weiß der Held meiner Ballade all das wohl auch selbst.


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