Mikl-Leitnereske

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich möchte keineswegs religiösem Irrationalismus das Wort reden! Vielmehr bin ich ein überzeugter Anhänger der im urbanen Raum glücklicherweise recht populären These, dass beim Glauben ein am Denkprozess ziemlich unbeteiligter Körperteil das Höchste sei.1

Aber!

Aber Österreich ist eben – leider – kein säkularer Staat, sondern einer, der den von ihm anerkannten Irrationalismen Sonderrechte einräumt, welche etwa den Glückskeksgläubigen oder den Aficionados des Tischerlrückens vorenthalten werden, wohl weil deren einfältige Überzeugungen mit der Dreifaltigkeit oder der jungfräulichen Geburt des Gottessohns nicht mithalten können.

Der Katholizismus ist hierzulande zwar die unbestrittene Nummer Eins unter den Konfessionen, zur Staatsreligion hat er es aber denn doch nicht gebracht und muss ein paar weitere Bekenntnisse neben sich dulden; den Islam übrigens schon seit 1912, denn das Islam-Gesetz, das in diesem Jahr verabschiedet wurde, gilt – obgleich vielfach novelliert – im Prinzip heute noch.

Als also am Dreikönigstag (2025) die Frau Mikl-Leitner – nicht etwa in irgendeinem Waldhäusl sitzend, nein, im prallen lauten Fernsehen! – vom „Kampf gegen den Islam“ gesprochen hat, statt von den drei Weisen aus dem Morgenland, hab‘ ich mir gleich gedacht: OOOAAAJJJÉÉÉ – da war wieder einmal die Zunge schneller als das Köpferl! Und der heilige Pronuntius hat auch ausgelassen, der sonst immer die für den öffentlichrechtlichen Rundfunk nicht geeigneten Stammtischsager ausfiltert.

Kalkül steckt, glaube ich, keines hinter den Mikl-Leitnerschen Bonmotscherln: Noch ganze drei Jahre bis zur nächsten Wahl, und die paar unzuverlässigen Schwarzen, welche DFLHF2 damit eventuell von den Blauen zurückholt, sind das peinliche Klarstellen und Zurückrudern nicht wert, das nach derlei Aussagen unvermeidlich ist. Nein, nach meinem Dafürhalten sind Mikl-Leitners Mots d‘esprit authentisch.

Na gut. Nicht den Islam als solchen gilt es – nach der Klarstellung – also jetzt zu bekämpfen, nicht den netten, ganz normalen Taufschein-Islam des Gemüsehändlers am Markt, sondern den politischen Islam (und nicht etwa nur den finsteren, bärtigen Kalaschnikow-Islam)!

Als ob es unpolitische Religionen gäbe!

Aber ich versteh’  DFLHF nur zu gut: Religion und Politik … Da kann nichts Gutes herauskommen, höchstens ständestaatliche Verfassungen und dergleichen! Die Präambel der Maiverfassung von 1934 beruft sich denn auch auf den Lieben Gott als Rechtsquelle:

„Im Namen Gottes, des Allmächtigen, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen deutschen Bundesstaat diese Verfassung.“

Oh, mein Gott!


  1. Waaßt äh, wôs beim Glaubm es Häxte is? – Jôô, waaß i: da Ôasch!
    Wenn Sie mit dem Wienerischen nicht vertraut sind, hilft Ihnen vielleicht folgende Information, den obigen Satz zu verstehen: „Weiche“ Konsonanten (B, D, G …) sind von „harten“ (P, T, K …) in unserer Umgangssprache praktisch nicht zu unterscheiden, sodass es leicht zu einer Verwechslung etwa der Begriffe „klauben“ und „glauben“ kommen kann. ↩︎
  2. DFLHF – die Frau Landeshauptfrau. ↩︎

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