Meine Mutter ließ sich bei der Suche nach einer Nummer im Telefonbuch von dem überreichen Angebot an Namen und Adressen, auf das sie dort traf, gern ablenken und verlor sich dann manchmal in der drögen Lektüre. Ganz ähnlich geht es mir mit dem Österreichischen Wörterbuch.
Nach der bemerkenswerten Begriffserklärung, die ich dort unter dem Stichwort „Umvolkung“ gefunden habe, bin ich nun (nach ein paar Tagen) endlich wieder auf einen Eintrag gestoßen, auf den ich mich mit besserwisserischer Kleinlichkeit draufsetzen kann:
Ule|ma̲ der, -s/-s (arab.-türk.): Rechts- und Religionsgelehrter im Islam
„Ulema“1 (ʿulamāʾ – علماء) ist tatsächlich aber kein Singular, sondern der (gebrochene) Plural des arabischen Wortes „Alim“2 (ʿālim – عالم). Für „Ulema“ braucht’s also immer mehrere Leute, ein Einzelner kriegt das Ulema-Sein nicht hin. Um das zu wissen, braucht man nicht Orientalistik studiert, sondern bloß ein bisserl Karl May gelesen zu haben. Ein einsamer „Talib“ kann übrigens auch nicht als „Taliban“ gelten, und ebensowenig ein „Mudschahid“ als „Mudschahedin“.3
Im Türkischen existiert die Pluralform „Ulema“ als Lehnwort und Kollektivbegriff („Gelehrtenschaft“). Um von einem einzelnen Gelehrten zu sprechen, bedarf es einer Umschreibung wie etwa „jemand, der zur Gelehrtenschaft gehört“. Das Persische bedient sich solcher Konstruktionen ebenfalls gerne, hat aber auch den singulären „Alim“ (als „ālem“) aus dem Arabischen übernommen.


- Die Betonung liegt auf dem „a“. Vor dem „U“ müsste zwar noch der „Würgelaut“ „ʿAyn“ (ʿ – ع) artikuliert werden, den allerdings weder die europäischen Sprachen noch das Türkische oder Persische als Laut im Repertoire haben. Das ʿAyn wird zwar im osmanischen Türkisch und im Persischen in der Schreibung der zahlreichen arabischen Lehnwörter wiedergegeben, in der Aussprache aber ignoriert. ↩︎
- Die Betonung liegt auf dem „A“, dem der Konsonant „ʿAyn“ vorangeht (siehe Fußnote 1). ↩︎
- (Sg.) ṭālib – طالب – (Pl.) ṭālibān – طالبان;
(Sg.) muǧāhid – مجاهد – (Pl.) muǧāhidīn – مجاهدين ↩︎
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