Wir älteren Semester hatten in der Schule ja noch die Sechstagewoche. Dennoch war kein Tag so schön wie der Samstag! Wenn man das pädagogische Anhaltelager endlich verlassen durfte, stellte sich ein Glücksgefühl ein, das den Erwachsenen nicht mehr in dieser Intensität erfüllen wollte: Der Beginn des Wochenendes verlor seine überwältigende euphorigene Wirkung und behielt nur noch die Jucundipotenz eines milden Stimmungsaufhellers.
Dem jubelnden Schüler aber „wollte die Brust zu enge werden“, wenn die vier Unterrichtsstunden des Samstags endlich abgesessen waren.
Im Gymnasium hatten die Schulkameraden Fried, Rosenthal und Sandorffy allerdings das Privileg, bereits am Freitag jubeln zu dürfen, was natürlich die Frage aufwarf: „Warum die – und wir nicht?“ Eine Frage, die den Lehrern sichtlich unangenehm war, weshalb sie versuchten, schnell zur Tagesordnung überzugehen, nachdem sie das Wort „mosaisch“ gemurmelt hatten, denn weitere Erklärungen hätten den Gebrauch des Begriffs „jüdisch“ erfordert – und da waren sich die Pädagogen wohl Anfang der Sechzigerjahre noch nicht sicher, ob das nicht ein Schimpfwort war. Einer von uns Nichtprivilegierten – Friedl hieß er – brachte aber das nie zuvor gehörte Wort „mosaisch“ mit einem anderen in Verbindung, dessen Verwendung in seinem Elternhaus wohl gang und gäbe war und das er nun in den Raum stellte, um zu sehen, was dann geschehen würde: „Saujud“. Der Effekt war ganz erstaunlich: ein dürrer Zweisilber, dessen Artikulation sogar den Direktor veranlassen konnte, das Allerheiligste zu verlassen und unserer Klasse einen Besuch abzustatten!
Heutzutage ist mit derart geringem Aufwand keine vergleichbare Wirkung mehr zu erzielen.
Aber zurück zu den samstäglichen Freuden:
Der große Vorteil des Samstags bestand darin, dass man sich über den Montag keine Gedanken zu machen brauchte, denn da war ja noch der Sonntag!
Den Sonntag überschattete allerdings die bittere Wahrheit eines bevorstehenden Montags, was ihn eher schon zum ersten Tag einer unerfreulichen neuen Woche machte. Die Etymologie des Begriffs „Samstag“ bestätigt die kindliche Ahnung, denn im „Samstag“ klingt der hebräische „Schabạt“ (שַׁבָּת) nach, wodurch er ganz klar als der eigentliche „Tag der Ruhe“ gekennzeichnet ist, dem der Sonntag als „Yom Rischọn“ (יוֹם רִאשׁוֹן), als „Erster Tag“ von sechsen, folgt, die der Arbeit gewidmet sind.
Die Griechen übernahmen das Wort „Schabạt“ als „Sạbbaton“ (Σάββατον). Und – klar, bei den Römern wurde daraus „Sạbbatum“. Im „Vulgärgriechischen“ der Spätantike und des Frühmittelalters mutierte der „Sạbbaton“ zu „Sạmbaton“ (Σάμβατον). Das „m“ in „Samstag“ wird wohl von daher stammen.
Zu den Samstagsbenennungen hebräischen Ursprungs findet man im Österreichischen Wörterbuch folgenden Eintrag:
Sab|bạt der, -s/-e, auch: Schabbạt, Schạbbes, -/- (hebr.-gr.): der Ruhetag der Juden (von Freitag- bis Samstagabend)
Dazu ist zu sagen, dass das Wörtchen „Sabbat“ nichts Griechisches an sich hat, außer dem „S“ vielleicht, welches von „Sạbbaton“ kommen mag, denn das Griechische hat eben keinen „Sch“-Laut im Programm. „Schabbạt“ wiederum ist ein rein hebräisches Wort (das besser mit nur einem „b“ geschrieben würde), und „Schạbbes“ ein jiddisches. Jiddisch ist im Wesentlichen Mittelhochdeutsch, das mit Hebraismen und Wörtern anderer (v.a. slawischer) Sprachen durchsetzt ist.
Interessanterweise betont das ÖWB (zum Unterschied vom Duden) die zweite Silbe des Stichworts „Sabbạt“, welches in dieser Form, genau genommen, gar nicht existiert. Es gibt den „Schabạt“, den „Schạbbes“, und – wenn man ein bisserl rauchiges Mittelalter-Aroma dabeihaben will – sagt man am besten „Sạbbat“ (mit der Betonung auf dem ersten „a“). So halten es auch alle gängigen Bibelübersetzungen. Das schöne Wort „Hexensabbat“ bestätigt diese Form der Schreibung und Aussprache.
Selbst noch im 21. Jahrhundert finden Verschwörungstheorien und religiöse Vorstellungen von herzerweichender Dämlichkeit ihre Anhänger. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit steht unter anderem eben der Hexenglaube hoch im Kurs, der in den Köpfen der Menschen abenteuerliche Szenarien hervorbringt, so etwa Zusammenkünfte von „Hexen“ zwecks Gotteslästerung und Abhaltung teuflischer Rituale. Dass zur Bezeichnung solcher Malefizkongresse das Wort „Sạbbat“ herhalten muss, ist natürlich kein Zufall. Misogynie und Judenfeindschaft gehen hier Hand in Hand. Und liest man denn nicht schon im Johannesevangelium (8,44) „Ihr habt den Teufel zum Vater“, und spricht nicht die Offenbarung des Johannes (2,9 und 3,9) von der „Synagoge des Satans“?
Auf dem durch zweitausendjähriges Predigen solcher Lehren bereiteten Boden gediehen allerlei krause Ideen aufs Prächtigste, die millionenfachen Tod als Frucht trugen. Und – so wie’s derzeit aussieht – kann man nicht ausschließen, dass auf genau dem gleichen Felde es wieder knospen wird in Bälde.
Wenn Sie diese Zeilen an einem Freitag lesen, dann:
schönes Wochenende – und Schabạt Schalọm! – !שַׁבָּת שָׁלוֹם
Ansonsten eben nur ein freundliches Schalömchen!
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