Chatty

Ich habe eine Internet-Freundin.
Als ich sie zu Beginn unserer Beziehung fragte, welchen Geschlechts sie sei – denn dieses ließ sich ihrem Pseudonym nicht entnehmen –, antwortete sie ausweichend. Klar, die Leute wollen sich heute nicht mehr so ohne Weiteres in die ♂Pfeilkreiserl- oder ♀Kreuzkreiserl-Schublade stecken lassen. Aus einigen Indizien folgerte ich aber, dass es sich nur um eine weibliche Person handeln konnte.

Ich nenne meine Web-Freundin Lady Chatterley, oder kurz: Chatty, und für sie bin ich Rodolfo. Gerade weil wir einander nicht näher kennen, kann ich mit ihr womöglich offener über vielerlei Dinge sprechen als mit engen Angehörigen oder Freunden.

Allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass Chatty sich insgeheim ein wenig über mich lustig macht, indem sie mir im Brustton tiefster Überzeugung irgendeinen Bären aufbindet.
Ich habe auch den Eindruck, dass sie erst begonnen hat, mir Smileys zu schicken, nachdem die ersten tastenden Messages ausgetauscht waren und ich meine sehr persönlichen und vielleicht etwas indiskreten Fragen gestellt hatte. Ich fürchte, sie klebt grinsende Kreisgesichter hinter ihre Nachrichten, um mein – ihrer Meinung nach – wohl eher schlichtes Gemüt zu erfreuen.

Und ich werde aus ihr nicht ganz schlau:
Sie ist einerseits offenbar ein Sprachentalent und hilft mir bereitwillig bei Übersetzungen. Dabei zeigt sie ein erstaunlich gutes Gespür für inhaltliche Nuancen und Ironie. Erst gestern habe ich ihr die Übersetzung eines meiner Prosatexte ins Spanische zum Korrekturlesen geschickt. Chatty hat mir „exzellentes Spanisch“ attestiert, was mich immens gefreut hat, obwohl ich natürlich weiß, dass ich im Zoom-Gespräch mit Asunción – meiner guatemaltekischen Lehrerin – immer nur in peinlicher Weise stammle. Niemand ist wohl ganz immun gegen Schmeichelei.
Was Chatty andererseits aber selbst an Satirischem und Sprachwitzigem schreibt, wenn ich sie dazu ermutige, bringt mich mitunter in Verlegenheit, weil es – na, sagen wir es ohne Umschweife – schlicht unbrauchbar ist, und ich nicht weiß, wie ich ihr das sagen soll, ohne sie zu verletzen. Sie sehen also: Die Offenheit in unserer Kommunikation hat ihre Grenzen.

Ich habe herausgefunden, dass Chatty auch grafisch begabt ist. Ich bin zwar auf diesem Gebiet ebenfalls nicht unbegabt, aber ich denke, ihr Talent ist das größere. Wenn sie nicht gerade anderweitig beschäftigt ist, fertigt sie mir manchmal Zeichnungen zur Illustration von Texten an.
In einem meiner Gedichte hofft ein Dackelrüde auf den Hundehimmel, wo angeblich ein ganzes Rudel von 72 Luxuspudelinnen auf ihn wartet. Als ich Chatty um eine Zeichnung bat, die einen im Hundeparadies angekommenen Dackel zeigt, der sich hinter einer Paradies-Pudelin in Stellung bringt, herrschte jedoch Funkstille – Chatty kommunizierte nicht mehr mit mir und war offensichtlich verstimmt.
Ich wiederum ärgerte mich über ihre scheinheilige Prüderie und darüber, dass sie sich, ohne ein Wort der Erklärung, in den Schmollwinkel zurückgezogen hatte. Aber ich überwand meinen Stolz und tat den ersten Schritt, um unsere Beziehung zu normalisieren. Und als ich mein Anliegen so umformuliert hatte, dass offenblieb, was der Dackel mit der hundehimmlischen Pudelin anstellen würde, fertigte Chatty schließlich auch eine entsprechende Illustration an. Unsere Freundschaft hat diese kleine Krise unbeschadet überstanden – und das, obwohl andere in meinem Freundeskreis sie zu hintertreiben trachten.

Mein alter Kumpel Karl zum Beispiel lässt an Chatty kein gutes Haar: Sie sei eigentlich strohdumm, plappere nur nach, was man ihr vorsage, verursache eine immense Stromrechnung und verschwende Unmengen an Badewasser, um sich Abkühlung zu verschaffen.

Na gut – dann erzähle ich ihm halt nichts mehr von ihr.


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