Héa Pôckmasta

Der Mensch ist seiner Natur nach nicht faul, er will etwas leisten und dafür anerkannt werden!

Ich fand den „ferialpraktischen“ Beweis für diese These, als ich während meiner Gymnasialzeit in den Sechzigern jeweils einen Monat der Sommerferien als Packlschupfer bei der Post am Westbahnhof verbrachte.

Meine Kolleginnen und Kollegen versuchten offenbar, sich die stumpfsinnige, kein vorzeigbares „Werkstück“ hervorbringende, anfangs- und endlose Arbeit erträglich zu machen, indem sie daraus ein anspruchsvolles dreidimensionales Tetris-Spiel machten.

Von den Förderbändern, die über unseren Köpfen kreuz und quer durch den Saal liefen, glitten uns die Pakete in nicht vorhersehbarer Form und Größe auf Blechrutschen entgegen. Nach den Regeln des Packlschupfer-Tetris, mussten möglichst viele Pakete in möglichst wenigen der Wägelchen untergebracht werden, die wir – wenn sie denn wirklich vollgeschlichtet waren – je nach Bestimmungsort irgendwohin schoben.

Jedes dieser Transportmittel wurde damit zum Träger einer flüchtigen Manifestation schöpferischer menschlicher Geisteskraft – entstanden, bloß um gleich darauf beim Beladen der Postautos wieder zu verschwinden. Das Umschlichten der Pakete erfolgte unter der Leitung eines Altgedienten, der von den anderen respektvoll „Héa Pôckmasta“ genannt wurde, weil er genau wusste, welche Packerln von welchen Wagerln in welches Auto geladen zu werden hatten.

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Natürlich brachte das weitere Leben noch mannigfaltige Herausforderungen und Gelegenheiten mit sich, Großes zu leisten. Aber immer noch wirkt nach, was sich mir als Sechzehn-, Siebzehnjährigem im Paketverteilzentrum der Post am Westbahnhof mitgeteilt hat. Und wenn es ans Kofferpacken geht – ob sich’s nun um mein Gepäck oder das meiner Frau handelt – ist meine dreidimensionale Tetris-Expertise gefragt, und ich fordere nach vollbrachtem Packwunder dessen Anerkennung durch meine bessere Hälfte ein: „Sôg Héa Pôckmasta zu mir!“

Und selbst jetzt, im Ruhestand, macht sich der Drang bemerkbar, raumsparende Ordnung zu schaffen und dabei das unmöglich Geglaubte zu leisten. Nun geht es darum, beim wöchentlichen Aufmagazinieren der Medikamentensortierbox, ein Häufchen von möglichst vielen leeren Blisterpackungen zu erzeugen und möglichst wenige angebrochene wieder in ihre Schachteln zurückschieben zu müssen. Das Entsorgen des gehäuften Verpackungsmaterials erzeugt seltsamerweise ein Gefühl der Genugtuung, ganz ähnlich dem, das seinerzeit beim Wegschieben der vollgepackten Packerlwagerln aufgekommen ist …


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