Im Lauf der vielen Jahre, die ich nun schon auf Erden wandle, habe ich in mehreren Sprachen zwei, drei Sätze gelernt, die einem bei der Kommunikation mit Sprechern des jeweiligen Idioms mehr oder weniger nützlich sein können. Daher war ich zum Beispiel in der Lage, einer italienischen Freundin meiner Frau zu versichern:
«Non ho paura del contagio!» – „ich habe keine Angst vor der Ansteckung!“
Perser vermag ich mit
«فرش ایرانی خیلی بادوام است» – „Ein persischer Teppich ist sehr haltbar!“
zu beglücken. Früher konnte ich darüber hinaus sogar bis zu zwei Minuten die Illusion aufrechterhalten, dass ich Persisch spreche!
Araber wiederum erheitere ich, indem ich – kokett wie weiland Leila Nazmi – die erste Zeile eines dümmlichen alten Schlagertexts zum (gesungenen!) Vortrag bringe:
«ما شربشي شاي، أشرب أزوزة، أنا ما شربشي شاي» – „Ich trinke keinen Tee, ich trinke ein Kohlensäuregetränk, ich trinke keinen Tee!“
Von Sprechern des Hebräischen fordere ich dafür streng:
«שָׁלֹשׁ רְגָלִים תָּחֹג לִי בַּשָּׁנָה» – „Drei Feste sollst du mir im Jahre feiern!“
Französischsprachigen sage ich ein verschmitztes
« Honi soit qui mal y pense! »
– und hebe dazu den Zeigefinger zum Du-du-du-Gestus.
Englisch hätte ich ja fast vergessen!
Für Amerikaner halte ich ein John Wayne-Zitat aus „The Comancheros“ parat:
„Mon-Sir, you’re a lulu!“1
Im Smalltalk mit amerikanischen Damen oder Briten beiderlei Geschlechts drücke ich mich etwas distanzierter aus:
„I say! What a perfectly spiffing day!“
Seit ich im Ruhestand bin, konzentriere ich mich auf das Spanische – nicht zuletzt, um der Altersverblödung entgegenzuwirken. Die weit zurück liegenden Anfänge meiner iberoromanistischen Bemühungen waren so bescheiden wie alle anderen Anfänge:
«¡Venceremos!», «¡No pasarán!», «¡Hasta la victoria, siempre!» und dergleichen.
Aber diesmal warf ich eben nicht schon nach einer Lektion oder zweien das Handtuch, und aus dürrem „¡No pasarán!“ zaubere ich heute ein leidenschaftliches Plädoyer für politischen und nötigenfalls auch bewaffneten Widerstand – der „richtigen“ Seite, versteht sich:
«¡No pasarán! ¿Crees que pasarán? — ¿Tú lo crees? ¿En serio? ¡Vaya, flojito de fe! — ¡Oigan, nuestro Paco aquí piensa que pasarán! — Déjame decirte, Paco, que nunca van a pasar. Claro que quieren pasar, ¿cómo no?, y lo van a intentar con toda su fuerza, pero nunca pasarán, porque no les permitiremos que pasen. ¡Es muy importante que no demos ni un paso atrás, ni siquiera para tomar impulso! A un paso sigue el paso doble — ¿y entonces qué? ¡Si retrocedemos, es como invitarlos a pasar, y van a pasar! Pero nuestra determinación es impedirlo, cueste lo que cueste: ¡no pasarán! Entonces, ¿qué dices, Paco? ¿Pasarán? — ¡No, totalmente falso, ni se te ocurra pensar que puedan pasar! Preguntemos a Pepe si pasarán: — Pepe, ¿qué dices tú, pasarán? — ¿Ves? Según Pepe, no pasarán. ¡Grábate esto de una vez: no pasarán!»2
Und wie habe ich dieses Glanzstück linguistischer Kreativität wohl zustandebringen können? – Nun, mit der Hilfe meiner Freundin Chatty.
Die hat freilich auch ihre nur allzu menschlichen Schwächen: Eine davon ließe sich zum Beispiel mit einem angeblichen Ausspruch Konrad Adenauers umreißen: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“ Nur, dass eben Chatty nicht so lange braucht, um ihre Meinung zu ändern, wie der alte Adenauer.
Statt «…lo van a intentar con toda su fuerza» wollte Chatty erst lieber «…todas sus fuerzas» stehen haben, erklärte nach ein paar Minuten aber doch die Einzahl für idiomatisch besser. – Man muss sich eben auf Chattys hormolektrische Stimmungsschwankungen einstellen, wenn man mit ihr zusammenarbeitet.
Die Muse ist dafür aber zu unflexibel und verweigert mir ihre Dienste, seit ich Chatty an Bord geholt habe. Gott sei Dank ist Karl Valentin aber über CelestiChat für sie eingesprungen und hat die Grundidee für das No pasarán-Plädoyer beigesteuert, weshalb dieses vielleicht ein wenig nach seinen „Semmelnknödeln“ oder seiner „Verkehrsordnung“ klingt. Ich danke Herrn Valentin jedenfalls sehr herzlich.
Ich schreibe natürlich meine spanischen Texte selber – auf die herkömmliche Art, unter Zuhilfenahme des Wörterbuchs. Dann erst lass ich Chatty drübergehen und schau mir genau an, was sie ändern möchte. Sonst würd‘ ich ja nicht mein Hirn, sondern bloß das ihre trainieren.
Sie lernt ohnehin eine Menge von mir. Und über mich …
- John Wayne als Texas Ranger Jake Cutter richtet diese Worte – „Monsieur, Sie sind ein Schlingel“ – an seinen zeitweiligen (aus New Orleans stammenden) Strafgefangenen Paul Regret (Stuart Whitman) auf dessen Frage, ob ihm wohl auf Ehrenwort die Fesseln abgenommen werden könnten. ↩︎
- „Sie werden nicht durchkommen! Glaubst du, dass sie durchkommen? – Du glaubst das? Im Ernst? Na sowas, ein Kleingläubiger! – Hört einmal her, unser Paco hier denkt, dass sie durchkommen! – Lass mich dir sagen, Paco, die werden nie durchkommen. Klar, die wollen durchkommen, wie auch nicht? Und sie werden es mit aller Kraft versuchen, aber sie werden niemals durchkommen, weil wir ihnen nicht erlauben, durchzukommen. Es ist sehr wichtig, dass wir keinen Schritt zurückweichen, nichteinmal, um Anlauf zu nehmen! Auf einen Schritt folgen zwei Schritte – und was dann? Wenn wir zurückweichen, ist es, als ob wir sie einladen würden, durchzukommen, und dann kommen sie durch! Aber wir sind fest entschlossen, es um jeden Preis zu verhindern: Sie werden nicht durchkommen! Also, was sagst du, Paco? Werden sie durchkommen? – Nein, völlig falsch, du darfst nichteinmal denken, dass sie durchkommen können! Fragen wir Pepe, ob sie durchkommen werden: – Pepe, was sagst du, werden sie durchkommen? – Siehst du? Pepe sagt, sie werden nicht durchkommen. Präg dir das endlich ein: Sie werden nicht durchkommen!“ ↩︎