Über’s Dichten

Grundsätzlich muss man zwei Arten des Dichtens unterscheiden:

Da ist zunächst einmal die bloße Textarbeit, während derer man als Textschaffender viel Zeit damit verbringt, zu reimen, zu schreiben, zu korrigieren, durchzustreichen, zu radieren und am Bleistift zu kauen. Dann lässt man den Text ein paar Tage oder auch ein Jahr lang liegen. Wenn man ihn sich danach wieder anschaut, denkt man „So ein Schmarrn!“ und beginnt von vorne.

Dieser mühsamen Form der Textproduktion steht das inspirierte Vegetativdichten gegenüber, das aber besondere Sensibilität des Textschaffenden und das Mitwirken der Muse erfordert. Ihr muss sich der Dichter bedingungslos anvertrauen, und ganz besonders, wenn er gerade tief empfindet. Sie wird ihm ein Kopfstück verabreichen, ihn küssen oder sonst auf irgendeine Weise den Kontakt mit ihm aufnehmen, und ihn damit in einen Zustand der Entrückung versetzen, um ungestört seine Schreibhand führen zu können. Wenn der Poet dann wieder zu sich kommt, wird er staunend die während der Extase aufs Papier geworfenen Worte vor sich sehen.

Weil sich dann aber kaum mehr sagen lässt, warum gerade diese und keine anderen Worte in gerade dieser und keiner anderen Ordnung auf dem Papier stehen, lässt der Dichter den Text eben einfach wie er ist – meist ein reimloses Konglomerat von Wörtern, quasi ein Wörternebel, könnte man auch sagen, in dem sich der Leser nun sinnerfassend zurechtfinden muss.

Manchmal gibt es allerdings gar keinen Sinn zu erfassen, weil der Textschaffende zwar tief empfunden hat, die Muse währenddessen aber mit ihren Gedanken zum Beispiel gerade bei dem feschen neuen Chiton aus ägyptischem Leinen war, den sie sich aus einem olympischen Katalog bestellt hat. Die Orientierung im Wörternebel wird durch so einen musischen Auslasser natürlich nicht einfacher. Der Leser muss den tieferen Sinn dann eben selber in das Werk hineininterpretieren, damit er nicht wie ein Dummerl dasteht, wenn man ihn fragt, wie er den Text verstehe.

In der Praxis findet sich im Werk eines Poeten (so er wirklich einer ist) beides – die Knochenarbeit und der Musenkuss. Das weiter unten folgende Gedicht – das sich ebenfalls um die beiden Formen des Dichtens dreht – mag als Beispiel dienen.

Nachdem ich die ersten Verse gezimmert hatte, belohnte mich die Muse mit einem Kuss, der mich entrückte und sie in aller Ruhe arbeiten ließ. Als ich wieder bei Sinnen war, fand ich auf dem Papier ein Konglomerat von Wörtern vor, wie ich es weiter oben beschrieben habe. Selbstverständlich nahm ich die Vorschläge der Muse an und brachte das Gedicht mit einigen Ratschlägen für Jungdichtende zu Ende:

Wörternebel, ungereimt

Wöatanéwe, ungereimt …
Wörternebel ungereimt
Kumm auf Zächnschpitzen nä(h)a!
Komm auf Zehenspitzen näher!
Wôs si da Dichta hôt eaträumt
Was sich der Dichter erträumt hat
[oda maunchmoj “Dichtrin” é(h)a],
[oder manchmal „Dichterin“ eher],
kaunnst nur von dô herinnan gneißen,
kannst du nur von innen hier innen erfassen,
wo Buckschtam, Wöata dich umschwébm.
wo Buchstaben, Wörter dich umschweben.
Waunnst draußt bleibst, wern sie dir wôs … huastn
Wenn du draußen bleibst, werden sie dir etwas … husten
und niemojs tiafan Sinn ergébm.
und niemals tieferen Sinn ergeben.

Hődnkaunzlaschtôôt
Heldenkanzlerstaat
dé Oma dômôjs mit dé Kinda
die Oma damals mit den Kindern
ans mei Muata
eines (davon) meine Mutter
christlicha Sozialschtôôt
christlicher Sozialstaat
Bischofskonferenzapplaus
Bischofskonferenzapplaus
dass sché „Grüß Gott“ sôgts!
dass ihr (mir) schön „Grüß Gott“ sagt!
Almosen ôhojn volla Démut
Almosen abholen voller Demut
von dé Vataländischn
von den Vaterländischen
     „Grüß Gott!“
     „Grüß Gott!“
von dem jedwede
von dem jedwede
schtôôtliche Autorität kummt
staatliche Autorität kommt
Wurschthautsuppm
Wursthautsuppe
guader Tipp!
guter Tipp!
vagődsgod bis in Himme auffe!
vergeltsgott bis in den Himmel hinauf!
bis in n Tod Rot-Weiß-Rot
bis in den Tod Rot-Weiß-Rot
Gott schütze Österreich
Gott schütze Österreich
nau und daunn eascht …
na und dann erst …
heite ôllas fôst scho wuascht
heute alles fast schon egal

Tschujdign, des is aus mir
Entschuldigung, das ist aus mir
afôch jetz so aussebrochen!
einfach jetzt so herausgebrochen!
Maunchmoj – und i waß net wia –
Manchmal – und ich weiß nicht wie ­–
passiern ma hôjt sojchane Sôchn.
passieren mir halt solche Dinge.

Oft is es ôwa leida so,
Oft ist es aber leider so,
dass des ätherische Geflecht
dass das ätherische Geflecht
goa net vom Heazn kumma mächt,
gar nicht vom Herzen kommen möcht‘,
sondan é(h)a vom Popó.
sondern eher vom Popo.

Natirlich kaunnst a in an Schas,
Natürlich kannst du selbst noch einem Pups
an Sinn ôjjwäu no einedreamme(l)n.
mit aller Gewalt Sinn verpassen.
I tät da ôwa rôten: Lass s!
Ich würde dir aber raten: Lass es!
Und rojj da liawa auf de Éamen.
Und roll dir lieber die Ärmel auf.

Daunn schreibst da sőwa des Gedicht
Dann schreibst du dir selber das Gedicht
und sôgst, wôs d sông wüst, klipp und klôa;
und sagst klipp und klar was du sagen willst;
und in da Woatwôj bleibst gaunz schlicht,
und in der Wortwahl bleibst du ganz schlicht,
sei s reimlos oder greimt sogôa.
sei es reimlos oder sogar gereimt.